Wenn nur noch der Krisendienst zuhört
Bild: Bojak
Nachtdienst: Anja Rempe (links) und Bianca Wittreck im Büro des Krisendienstes. Sie und weitere 38 Ehrenamtliche sind für ihren Einsatz mit dem Preis der Bürgerstiftung ausgezeichnet worden.
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Am Donnerstagabend ist die Auszeichnung, die mit 5000 Euro dotiert ist, bei Stüwe Weissenberg überreicht worden.

„Die Einsamkeit macht sich besonders bemerkbar, wenn die Nacht vor der Tür steht“, sagt Bianca Wittreck. Sie gehört seit vier Jahren zum Team und schiebt am Abend vor der Preisverleihung gemeinsam Dienst mit Anja Rempe. Beide arbeiten hauptberuflich als Krankenschwestern im LWL-Klinikum Gütersloh. Sie sind erfahren im Umgang mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen.

Wenn alles schließt ist die Einsamkeit am bedrückendsten

Den Krisendienst gibt es seit Juli 1993. 40 Freiwillige sind im Einsatz. Die fachliche Qualifikation begründet sich darin, dass alle Helfer hauptberuflich in psychosozialen Arbeitsfeldern tätig sind.

Die Hilfe erfolgt immer dann, wenn andere Hilfsmöglichkeiten, Beratungsstellen und ambulante Dienste geschlossen haben. Die Helfer sind jede Nacht von 19 bis 7 Uhr sowie an Wochenenden und Feiertagen 24 Stunden im Einsatz.

Der Krisendienst arbeitet niederschwellig, Ratsuchende dürfen in allen individuell als Krise empfundenen Situationen anrufen. Auf Wunsch erfolgt die Beratung anonym. Das Spektrum der Krisen und somit auch der Beratungstätigkeiten ist breit.

Der Preis der Bürgerstiftung Gütersloh wird seit 1998 an Initiativen und Bürger verliehen, die sich vorbildhaft und tatkräftig für die Förderung und Wiederherstellung der Gemeinschaftsfähigkeit einsetzen.

„Wenn alles schließt und man das Gefühl hat, es ist niemand mehr zum Reden da, dann erhalten wir besonders viele Anrufe. Dann sagen uns die Menschen, dass sie nicht wüssten, wie sie zur Ruhe kommen und die Stunden bis zum Morgen überstehen sollen.“ Von 19 bis 7 Uhr sind die Krisendienstler zu erreichen.

Trennung, Arbeitsplatzverlust, Krankheit

„Wir hören zu“, erklärt Anja Rempe. In besonders brenzlig erscheinenden Situationen fahren die Krisendienstler auch raus. „Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen“, sagt sie. Wenn jemand zum Beispiel einen Suizid ankündige, seien die Beamten am schnellsten an Ort und Stelle. Die Menschen riefen aus unterschiedlichen Gründen an: Trennung, Arbeitsplatzverlust, Krankheiten, Liebeskummer – niemand könne vorhersagen, welches Ereignis im Leben eine Krise auslöse. Die Mitarbeiter des Krisendienstes wissen, wem sie welches weitere Hilfsangebot empfehlen können.

Dienst immer zu zweit

Zum Team gehören Sozialarbeiter, Pädagogen, Krankenschwestern, Ärzte, Theologen, Psychologen. Die Ehrenamtlichen arbeiten immer zu zweit, damit sie sich austauschen und die richtige Form der Hilfe für die Anrufer finden können. Anja Rempe und Bianca Wittreck übernehmen die Dienste aus Überzeugung. „Wir können selbst bestimmen, wie viele Nächte im Monat wir am Telefon sitzen wollen“, antwortet Rempe auf die Frage, wie sie es aushält, sich ständig die Sorgen und Nöte fremder Menschen anzuhören. In der monatlichen Teamsitzung könne über besonders belastende Fälle gesprochen werden.

Nachtdienst macht zufrieden

Anja Rempe und Bianca Wittreck wissen, wie wichtig es ist, dass jemand zuhört. Auch wenn es für den Anrufer ein Fremder ist, der am anderen Ende der Telefonleitung sitzt. Der Einsatz mache zufrieden, sagen die beiden Frauen. Und deshalb sei es auch nicht schwierig, am nächsten Morgen, nach zwölf Stunden Krisendienst – etwas übernächtigt vielleicht – auch die Arbeit im regulären Job noch zu stemmen.

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