Zwei Existenzgründer plaudern aus dem Nähkästchen
Bild: Blumenstein
Beim Anblick des roten Leders im Mercedes Benz 230 SL „Pagode“ Baujahr 1964 schlägt Michael Kaffitz’ Herz höher. Der Wiedenbrücker ist Polsterer und hat sich im August 2018 selbstständig gemacht. Der Oldtimer steht in den Hallen von Bastian Voigt in Verl-Österwiehe. Voigt und Kaffitz sind zwei von drei Existenzgründern, die beim Ostwestfälischen Gründertag am 20. Februar von sich erzählen.
Bild: Blumenstein

Voigt handelt mit den hochpreisigen Sammelobjekten, Kaffitz will sie zu einem Schwerpunktbereich seiner Polsterei machen. Die beiden Männer gehören zu drei Gründern, die nächste Woche beim Ostwestfälischen Gründungstag in Gütersloh von ihren Erfahrungen mit der Selbstständigkeit berichten werden.

Bastian Voigt: Wirtschaftsrechtler wird Oldtimer-Fachmann

Bastian Voigt wagte den Schritt vor zwei Jahren. „Ich habe Wirtschaftsrecht studiert, aber nach dem Abschluss schnell gemerkt, dass es das nicht ist“, erzählt der Schloß Holte-Stukenbrocker. Er fokussierte sich fortan auf sein Faible für Autos. Nach einem Praktikum bei Ford arbeitete er mehrere Jahre für einen Oldtimerhandel. „Da habe ich immer mehr Vertrieb gemacht. Es gab keine Entwicklungsmöglichkeiten und auch unterschiedliche Ansichten.“

Der Wunsch nach Selbstbestimmung war letztlich größer als die Scheu vor dem Risiko, sich in einer Nischenbranche selbstständig zu machen. Zumal der Familienvater sich gut gerüstet sah: „Ich bin seit zehn Jahren in der Branche und ganz gut vernetzt.“ Mit der Industrie- und Handelskammer ging er seinen Businessplan durch. Und mit ihrer Hilfe erhielt er einen Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit.

In Kürze drei Mitarbeiter

Bastian Voigt (36) aus Schloß Holte-Stukenbrock machte sich 2017 mit dem Unternehmen Bastian Voigt Collectors Cars in Verl selbstständig.
Von Beginn an beschäftigt der 36-Jährige in seinem Unternehmen „Bastian Voigt Collectors Cars“ einen Mitarbeiter. In Kürze sollen zwei weitere dazukommen, weil Voigt ins Auktionsgeschäft einsteigt und dafür eine zweite Firma gründet. In den angemieteten Hallen in Österwiehe reihen sich Fahrzeuge der Baujahre 1930 bis 2010 aneinander – vom 63 Jahre alten silberfarbenen Mercedes Benz 300 SL mit Flügeltüren – Voigts Spezialgebiet – über einen schwarzen Lamborghini und einen roten 1964er-Alfa-Romeo-Rennwagen bis hin zum BMW 328 Roadster aus dem Jahr 1938. Bastian Voigt verkauft sie größtenteils auf Kommission im Auftrag von Sammlern weltweit. Die Echtheit bezeugen Vertreter der Hersteller – sie begutachten die Wagen in Voigts Hallen. Denn Fälschungen aus Asien gibt es mittlerweile nicht mehr nur auf dem Kunst- und Modemarkt, sondern auch im Hochpreissegment der Oldtimer.

„Gehe jeden Tag mit Freude zur Arbeit“

Bereut hat Bastian Voigt die Existenzgründung nicht. „Manchmal hat man ein bisschen Angst vor der eigenen Courage“, sagt er und lacht. „Aber ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und gehe jeden Tag mit Freude zur Arbeit. Ich treffe spannende Menschen und spannende Autos.“

Michael Kaffitz: Mit 53 Jahren als Polsterer in die Selbstständigkeit

Die Polsterei von Michael Kaffitz in Rheda-Wiedenbrück ist noch jung. Im August 2018 machte sich der 53-jährige ausgebildete Polsterer selbstständig. Mehr als 30 Jahre hatte er in der Möbelindustrie gearbeitet und nebenbei noch für einen Raumausstatter. Dafür, dass er sein eigener Chef sein wollte, gab es viele Gründe. Er nennt die stete Arbeitsverdichtung, ein „zunehmendes Hauen und Stechen in der Industrie“, das Betriebsklima und den Wunsch, mit Objekten zu arbeiten, die Geschichte atmen: „Ich liebe alte Autos und alte Möbel.“

Beratung durch die Handwerkskammer

Leicht gemacht habe er sich den Entschluss nicht, sagt der dreifache Vater. „In meinem Alter gibt man einen sicheren Job nicht so einfach auf, da muss man gut vorbereitet sein. Von Idealismus allein kann man nicht leben.“ Kaffitz ließ sich von der Handwerkskammer beraten, machte sich mit Erfordernissen wie Kundenakquise vertraut.

„Für mich war es der richtige Schritt“

Ein Jahr habe er sich gegeben, bis sein Unternehmen laufen solle. Zur Halbzeit sagt er: „Es funktioniert ganz gut. Für mich war es der richtige Schritt.“

Anderen Gründungswilligen rät Michael Kaffitz, den Weg nicht ohne fachliches Wissen einzuschlagen – „Sonst lehnt man sich vielleicht zu weit aus dem Fenster“ – und sich beraten zu lassen. Und: „Eine gewisse Portion Mut gehört dazu.“ Einen Gründungszuschuss von der Arbeitsagentur hat der Wiedenbrücker übrigens nicht erhalten. „Ich war nicht einen Tag arbeitslos. Das war mein Fehler“, sagt er mit leichtem Zynismus.

Stichwort: Ostwestfälischer Gründungstag

Der Ostwestfälische Gründungstag findet am Mittwoch, 20. Februar, von 8.30 bis 16.30 Uhr im Kreishaus in Gütersloh, Herzebrocker Straße 140, statt. Der Eintritt ist frei, eine ist Anmeldung erforderlich.

Angesprochen sind alle, die eine Selbstständigkeit in Betracht ziehen, Informationen einholen und Kontakte knüpfen möchten. Veranstalter sind die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld, die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Gütersloh, Pro Wirtschaft GT, und die Stadt Gütersloh. Auf einem Informationsmarkt sind Behörden und Beratungseinrichtungen vertreten.

Die Veranstaltung startet um 8.45 Uhr mit Erfahrungsberichten dreier Existenzgründer. Den Tag über finden Kurzvorträge statt: Grundlagen der Existenzgründung (9.45 Uhr), Mentoren-Service (11 Uhr), „Mit kleinem Budget groß rauskommen“ (11.45 Uhr), „Bankgespräch und Förderprogramme“ (12.30 Uhr), Gründungsnetzwerk Kreis Gütersloh (14 Uhr), „Steuern für Existenzgründer“ (14.15 Uhr) sowie „Kalkulation und Erfolgskontrolle“ (15.30 Uhr).

Anmeldung und Programmdetails im Internet: www.ostwestfalen.ihk.de

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