Alles Denken haftet am Undenkbaren
Bild: Pieper
Geschriebenes als Hort philosophischer Gedanken und fiktiver Briefwechsel zum Beispiel mit Humboldt oder Kleist - das gehört zum künstlerischen Kosmos von Dr. Ruth Tesmar. 
Bild: Pieper

Denn unter dem Titel „littera et cetera“ stellt Dr. Ruth Tesmar, Malerin, Grafikerin und als Professorin für künstlerisch-ästhetische Praxis an der Berliner Humboldt-Universität eine Lehr-Ikone, ihre Bilder, Collagen und Objekte aus. Eine Werkschau der besonderen Art.

Vernissage: Die Ausstellung „littera et cetera“ mit Werken von Professor Dr. Ruth Tesmar wird am Sonntag, 11. Juni, abends um 19 Uhr im Gütersloher Veerhoffhaus, Am Alten Kirchplatz, eröffnet.

Öffnungszeiten: donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr, samstags und sonntags von 12 bis 19 Uhr. Die Ausstellung ist bis zum 16. Juli zu sehen.

Führungen: Sonderführungen durch die Ausstellung, auch für Schulen, sind auf Anfrage, Tel. 05241/13466, möglich

Finissage: Am Sonntag, 16. Juli, wird Professor Dr. Ruth Tesmar mit einem Künstlergespräch ab 16 Uhr im Café des Kunstvereins die Ausstellung beenden.

Einfach gesagt, setzt die gebürtige Potsdamerin Gedichte, Erzählungen und Geschichten berühmter Autoren, aber auch Partituren von Bach in poetisch-expressionistische, philosophisch-vielschichtige, oft farbintensive Bildwelten um. Mal sind es Holzschnitte, dann wieder Radierungen, Lithographien, Assemblagen oder skripturale Installationen. Dazu gesellen sich Skulpturen aus schrundigen Bauhölzern und Alltagsfundstücken. Fragmente des Lebens voller Gebrauchsspuren, die Tesmar mit all dem tiefsinnigen Treibgut, das ihr die Welt der Worte beschert, zum „Wächter“, zur „Arche“ oder zur „Buchgeige“ formt.

So quirlig, übersprudelnd und begeisternd wie sich die 66-Jährige gibt, so überbordend und fordernd sind ihre Arbeiten. Sie macht nicht nur das Geschriebene von Rimbaud, Celan oder Trakl zu ihrem Thema, sie spürt in fiktiven Briefwechseln auch den Gedanken von Universalgelehrten wie Humboldt oder Leibnitz nach – und formt sie zur Bildwelt um. Selbst der Akt des Briefschreibens – Tesmars große Leidenschaft – wird zum Bestandteil ihres ästhetischen Kosmos’. In ihm verwebt sie wie ein Dichter alles Existenzielle: Liebe und Hoffnung, Schmerz, Leid und Tod. „Ein Gedicht“, sagt Tesmar „ist wie ein Wassertropfen – die gesammelte Form von Literatur.“ Ein entsprechendes Konzentrat sind denn auch ihre Arbeiten. Genaues Hinsehen ist ein Muss. 

So sprengt Tesmar auf großem Format – frei nach Else Lasker Schülers 1943 entstandenem, die Verrohung der Welt anprangerndem Gedicht „Das blaue Klavier“ – eine menschliche Figur. In leidenschaftlichen Rottönen fächert sie mit dem Holzschnitt „Samtlanden“ Ingeborg Bachmanns Sehnsuchtsprotokoll nach deren Trennung von Max Frisch auf. Tesmar spiegelt Ovids „Metamorphosen“ in sinnlichen Bucheinbänden wider oder lässt „Anna Blume“, Otto Schwitters „Geliebte seiner 27 Sinne“ in kurvigen Formationen als Assemblage auferstehen. Und Goethe? Dessen „West-Östlichen Diwan“ entfaltet sie auf eingefärbtem Büttenpapier zum Bühnenbild eines möglichen menschlichen Miteinanders. „Kunst“, lächelt Ruth Tesmar wissend, „muss man immer naiv-absichtsvoll machen.“

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