Andrej Hermlin: Swing ist ein Lebensgefühl
Andrej Hermlin liebt und lebt den Swing. Am 23. März wird er das mit seinem "Swing Dance Orchestra" bei einem Konzert in Gütersloh unter Beweis stellen

 Doch bei Andrej Hermlin geht es nicht um Leichen im Keller, sondern um Musik. Der Pianist und Bandleader liebt und lebt den Swing der 30er-Jahre wie kaum kein anderer.

Grund genug für den rührigen Gütersloher Konzertveranstalter Ulrich Bongaertz, den 47-Jährigen und sein 14-köpfiges „Swing Dance Orchestra“ zu einem Benefizkonzert nach Gütersloh zu holen. Am Freitag, 23. März, werden sie ab 20.30 Uhr in der Stadthalle mit den Originalsounds von Benny Goodman, Artie Shaw, Glenn Miller und Co. ein „Best of“ der legendären Swing-Giganten liefern. Das Publikum darf

Andrej Hermlin wurde 1965 als Sohn des Schriftstellers Stephan Hermlin, einem der führenden DDR-Literaten, und dessen russischer Frau Irina in Berlin geboren. Er wuchs zweisprachig auf. Bereits als Vierjähriger entdeckte Hermlin jun. anhand einiger weniger Jazz-Platten des Vaters seine Liebe zum Swing. Mit sieben bekam er Klavierunterricht, studierte später Musik. Der heutige Bandleader des 1986 von ihm gegründeten „Swing Dance Orchestra“ bestand seine Prüfung mit dem Schwerpunkt Swing-Musik an der Musikhochschule Hanns Eisler erst im zweiten Versuch mit der Note vier. Heute tourt Hermlin mit seiner 14-köpfigen Big Band durch Europa und die USA. Unter anderem spielte er auch schon in Clarinda, der Heimatstadt Glenn Millers, zu dessen 100. Geburtstag. Wichtig ist ihm die Authenzität seiner Auftritte von den Original-Arrangements aus der Blütezeit des 1930er-Jahre-Swings über die Kleidung bis hin zu Mikrofonen und Notenpulten. Er komponiert und textet fürs Orchester und die begleitende Vokalgruppe „The Skylarks“
sich auf Musik freuen, die Unterhaltung vom Feinsten in klassischer Ballroom-Atmosphäre liefert – und in die Beine geht. Deshalb darf nach der Pause auch getanzt werden was die Wasserwelle hält.

 Andrej Hermlin wird’s recht sein. Swing ist für ihn eine Lebenseinstellung. Seine Gäste sinken ins Art-Deco-Mobiliar, staunen übers alte, schwarzgelackte Buffet, das Telefon von 1938 und die Grundig-Vorkriegsmusiktruhe in der Ecke. Ganz zu schweigen von der stilecht angefertigten Küche und diversen Asseccoires im ganzen Haus, die die eher unauffälligen Werke von Max Lieberman und Lovis Corinth, mit denen die Familie gut bekannt war, in den Hintergrund drängen. In diesen Räumlichkeiten trommelte Vater Stephan Hermlin 1976 die DDR-Interlektuellen zusammen, um gegen die Ausweisung des Liedersängers Wolf Biermann zu protestieren. Hier waren schon Heinrich Böll, Christa Wolf, Stefan Heym und Peter Weiss zu Gast. Und hier kullerten aus einer aufgeplatzten Sessellehne auch schon mal die Wanzen der Stasi heraus. Fußnoten der deutsch-deutschen Geschichte, die Hermlin gern zum Besten gibt – fein geschliffen wie seine manikürten Fingernägel.

 Warum es gerade der Swing wurde, wo doch die Eltern überwiegend Klassik hörten, weiß der Bandleader auch nicht zu erklären. Es hat bei dem Vierjährigen einfach Klick gemacht beim Abhören einer Benny-Goodman-Platte, eine der wenigen Jazz-Alben, die der Papa sein eigen nannte. Andrej Hermlin interessierten fürderhin weder die DDR-geschönte Schlagerwelt eines Frank Schöbels noch die verschlüsselten Botschaften der

Karten für das Konzert mit Andrej Hermlin und seinem „Swing Dance Orchestra“ am 23. März in der Gütersloher Stadthalle gibt es in allen „Glocke“-Geschäftsstellen.
„Puhdys“. Und auch westlicher Rock und Pop ließen ihn kalt. Er blieb beim Swing, studierte ihn, spielte zunächst im eher trostlosen „Klub der Bauarbeiterjugend“, stets darauf vertrauend, dass er irgendwann mal eine Big Band leiten würde.

Wie der 47-Jährige mit seinem 1986 gegründeten „Swing Dance Orchestra“ auf Erfolgskurs ging, welches politische Engagement Andrej Hermlin als Mitglied der Linken hat und warum er in Kenia schon einmal verhaftet wurde, ist in der Wochenendausgabe der Gütersloher „Glocke“ vom 18./19.  Februar zu lesen.

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