Brandauers persönlicher Sommernachtstraum
Bild: Dünhölter
Auftritt Klaus Maria Brandauer: Prasselnden Applaus erntete der Schauspieler für seine „Sommernachtstraum“-Version im Theater Gütersloh.
Bild: Dünhölter

 

Beim Elfenkönig Oberon – der Mann führt schon Regie, bevor das eigentliche Spiel beginnt.

Ein „Sommernachtstraum“ zur Winterzeit hielt am Donnerstag das Gütersloher Theaterpublikum gefangen. Vor ausverkauftem Haus glänzte Brandauer, auch mit 71 Jahren noch unangefochtener Bühnen-Grande an der Wiener Burg, in seiner eigenen, auf der Übersetzung von Schlegel und Tieck basierenden Fassung von Shakespeares Komödie. Ein Fünf-Stunden-Wirbel, stringent gestrafft auf 90 Minuten intelligent kalkulierte Unterhaltung.

Die Hälfte des Lobs gebührt dabei den Pianisten Andreas Grau und Götz Schumacher. Das Duo mit seinem wunderbar leichten, oft geradezu überschäumend sprudelnden Spiel bot Mendelssohns „Sommernachtstraum“ als zauberhafte Elfenmusik in der vierhändigen Klavierfassung. Die flirrenden, aber immer präzisen Parforcejagden über die Tasten wurden zum selbstbewussten Dialogpartner für den großartigen Mimen, der das Publikum geradewegs in den Wald von Athen entführte.

 Dorthin, wo verirrte und verwirrte Liebespaare zu Opfern der Schabernack treibenden Elfen werden. Dort, wo eine derbe Handwerkertruppe sich an einem Theaterstück für die anstehende Hochzeit des Athener Herrschers und seiner Amazonenkönigin versucht. Gemeinhin bedarf es dafür eines ganzen Darsteller-Heers. Brandauer genügt sich selbst. „Wir sind aus jenem Stoff, aus dem die Träume sind“, zitiert der bedächtig aus dem Dunkel Heranschleichende eingangs erst einmal den Prospero aus Shakespeares „Sturm“. Ein dramaturgisch verzeihlicher Seitensprung, ebnet er doch das Terrain für eine furiose Ein-Mann-Show.

Da ist nichts dem Zufall überlassen, aber jeder Moment für eine Überraschung gut. So irrt, wer glaubt, dass der so unscheinbar auf dem Hocker sitzende alte Mann in seinem knittrigen Anzug schon schläft, nur weil er bei der Ouvertüre mit geschlossenen Augen mehr und mehr in sich zusammensinkt. Der letzte Ton ist noch nicht verklungen, da springt Brandauer auf, ist plötzlich der eifersüchtig zeternde, rachsüchtige Oberon, im nächsten Moment die besänftigend säuselnde Elfenkönigin Titania. Er ist die flehende Hermia und der abwehrende Demetrius, die sehnsuchtsvolle Helena und der schroffe Lysander.

Brandauer brüllt und flüstert, er knarzt und keckert, schmollt und stöhnt, tobt und tänzelt. Mit langgezogenem „Iiiiaaah“ liefert er als Zettel die tiefe Erkenntnis, dass „der Mensch ein Esel ist“. Sein Puck ist weniger schelmischer Kobold als vielmehr rasendes Rumpelstilzchen.

Am besten aber ist Brandauer immer dann, wenn er innehält, sich selbst überrascht zeigt von seinem subtil anmutenden Schwebezustand zwischen Wachen und Träumen, mit dem er das Publikum zur Stecknadelstille zwingt – ehe sich dessen Begeisterung Bahn bricht.

Den Blumen zum Abschied weicht der Meistermime aus. Erst muss er noch loswerden, dass „Applaus des Künstlers liebstes Brot“ ist. In Gütersloh dürfen er und seine musikalischen Partner reichlich davon kosten – einschließlich diverser Bravo-Rufe. Sichtlich zufrieden scheucht Klaus Maria Brandauer-Oberon-Puck die Besucher aus dem Theater. „Geht heim, heim“, haucht er mit verführerischer Stimme – und großer, weitausholender Geste.

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