Brandopfer im Klinikum versorgt
Die Zeit im Krankenhaus ist vorüber: (v. l.) Chefarzt Dr. Bernd Ruhnke, Margit Tönnies, Samiullah, Markus Knappe, Kizilboy, Oberarzt Dr.  Rüdiger Küppers und Stationsleiterin Annegret Eggert.

Dort verwirklichten der plastische Chirurg Dr. Bernd Ruhnke und sein Team laut einer Mitteilung des Klinikums mit aufwändigen Operationen und Therapien „Samis“ Traum: wieder selbstständig zu laufen.

Es war Winter, als es passierte: Die Familie des heute vierjährigen Samiullah versammelte sich um den Holzkohleofen in der Mitte des Wohnraums. Matratzen dienten ihnen als Sitzmöglichkeit. Hier spielten sie an den langen Winterabenden Karten oder erzählten Märchen. Ein Bild, wie es in vielen afghanischen Häusern üblich ist.

Kohleofen explodiert

Doch plötzlich gab es einen lauten Knall. Der Ofen explodierte, und glühende Holzkohle fiel auf Samis Füße und verbrannte seine Haut. „Hier in Deutschland hätten wir sofort alles getan, um eine Narbenbildung zu verhindern“, sagt Dr. Rüdiger Küppers, Oberarzt der plastischen Chirurgie am Klinikum Gütersloh.

Diese Möglichkeiten gab es in Samiullahs Heimatland nicht. Die Haut unter seinen Füßen vernarbte und das jetzt unelastische Gewebe verschob Samis Fußknochen in eine bizarre Position. „Laufen konnte er nur noch auf den Fersen“, erinnert sich Küppers und zeigt Fotos des Jungen vor dem Behandlungsbeginn. Samis Verletzungen haben in Afghanistan weitreichende Konsequenzen: Nicht nur, dass er kaum laufen konnte; er hätte als behinderter Junge dort nicht zur Schule gehen können.

Friedensdorf in Oberhausen

Doch er und seine beiden Freunde Kizilboy und Abdul hatten Glück: Der Kontakt zum Klinikum entstand über die Organisation Friedensdorf mit Sitz in Oberhausen. Sie bietet kranken Kinder aus von Kriegen und Krisen geschwächten Heimatländern wie Afghanistan und Tadschikistan Hilfe. „Wir bekamen eine Anfrage, ob wir die drei behandeln können“, berichtet Ruhnke.

Regelmäßig würde das Friedensdorf bei Fachkliniken in Deutschland um Unterstützung bitten, dann müsse individuell entschieden werden, ob den Kindern medizinisch zu helfen sei. In Samiullahs Fall seien sie aufgrund der Schwere seiner Verletzungen alle erst skeptisch gewesen, sagt Ruhnke. Selbst gestandene Fachchirurgen, denen Küppers bei einer Fortbildung über Samis Fall berichtete, hätten so etwas vorher noch nicht gesehen.

Bis zu 15 Operationen

In bis zu 15 Operationen entfernten die Chirurgen das unelastische Narbengewebe von Samiullahs Fuß und brachten die Knochen in die korrekte Position. Ein externer Fixateur half mit sukzessiven Feineinstellungen, den Fuß dauerhaft in der gewünschten Form zu halten – eine schwere Zeit für Sami. „Das konnten wir nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit schaffen“, betont Küppers.

Orthopädieschuhtechnikermeister Markus Knappe versorgte den Jungen mit passgenauen Schuhen. Auch das Sanitätshaus Mitschke, die Medizintechnikfirma Smith & Nephew und Oberarzt Dr. Hazibullah Waizy von der medizinischen Hochschule Hannover trugen ihren Teil zum Erfolg bei.

 „Doch ohne die großzügige finanzielle Unterstützung der Unternehmen Tönnies, Miele und Bertelsmann, die Patenschaften für die Kinder übernommen haben, hätten wir es nicht machen können“, sagt Ruhnke. Allein die Sachkosten für die Behandlungen lägen im fünfstelligen Bereich. Dass Abdul sicherlich einen längeren Behandlungszeitraum brauchen würde, um alle seine schwierigen Verletzungen zu behandeln, war von Anfang an klar.

Zurück in die Heimat

Während seine Freunde Kizilboy und Sami schwere Verbrennungen an den Füßen erlitten hatten, waren bei Abdul ein Bein, beide Hände und sein Gesicht betroffen. „Die Wiederherstellung der Verbrennungsfolgen in einem derartigen Ausmaß würde in Deutschland normalerweise zwei bis drei Jahre dauern“, erklärt Ruhnke. Aber so viel Zeit blieb den Chirurgen nicht.

In nur elf Monaten musste Abdul sich zahlreichen Operationen unterziehen. Dazwischen lagen viele Wochen, damit sich seine Haut erholen konnte. „Solche aufwändigen Rekonstruktionen bleiben natürlich nicht ohne Probleme, wenn man großflächig Haut überträgt. Hier kann es immer wieder durch Entzündungen zu Hautverlust und erneuter Narbenbildung kommen“, sagt Dr. André Borsche, Vorsitzender von Interplast Germany, der dem Gütersloher Ärzteteam bei den Gesichtsrekonstruktionen mit Rat und Tat zur Seite stand.

Rührende Unterstützung

Nur mit rührender Unterstützung vom Ärzte- und Schwesternteam der Klinik für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie und Frauen der Kirchengemeinde St. Clemens hat der 15-Jährige die lange Zeit so gut gemeistert. Sami und Kizilboy konnten, wie das Klinikum jetzt mitteilte, schon im Februar die Heimreise nach Afghanistan antreten. Samis Patin Margit Tönnies, die sich damals am Tag seiner Abreise von dem Jungen verabschiedete, staunte. Vergnügt lief der Vierjährige über den Krankenhausflur – ohne Gehhilfe. „Sie haben eine tolle Leistung vollbracht“, gratulierte Margit Tönnies dem Ärzte- und Pflegeteam.

Auch für Abdul ist es nun soweit. Unter Tränen verabschiedet er sich vom Team des Klinikums Gütersloh, hier hat er viele Freunde gefunden. Zurück in seinem Heimatland wird er jetzt ein weitgehend normales und eigenständiges Leben führen können. Vor allem auch, weil er seine ehemals funktionslose linke Hand wieder gebrauchen kann.

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