Charlie Chaplin - geliebt und gehasst
Bild: Pieper
 Quietschbunt lässt das Musical „Chaplin“ seinen Helden in Hollywood-Karriere machen. Szene aus der Inszenierung des Theaters Osnabrück, die jetzt in Gütersloh zu sehen war.
Bild: Pieper

Kein anderer hat die Widrigkeiten und  Grausamkeiten, aber auch die Hoffnungen des 20. Jahrhunderts so genial-beredt zur Sprache gebracht wie er. Und das vorrangig im Stummfilm. Über Aufstieg, Fall und Rehabilitierung des als Kommunist verleumdeten übergroßen Komikers in der kleinen trippelnden Tramp-Gestalt ist viel geschrieben worden. Irgendwann musste die Figur da wohl musicalreif werden.

Mag Thomas Meehams Aneinanderreihung von Chaplins Lebensstationen auch gut überlegt sein – schon bei der Uraufführung des Musicals am Broadway 2006 wurde Christopher Curtis’ nicht vorhandene Ohrwurmqualität der Songs bemängelt. Sein klanglicher Einheitsbrei findet nur wenige Akzente und wenn, dann höchstens durch ein paar Charleston-, Swing- oder Jazz-Rhythmen. Und dass es in den tragischen Momenten auch mal balladesk zugeht, reicht als tragende Substanz für ein Drei-Stunden-Musical auch nicht.

Entsprechend schwer hatten es das durchaus spielfreudige Symphonieorchester unter An-Hoon Song und das mit Musik-Studierenden der Osnabrücker Hochschule verstärkte Ensemble des Theaters Osnabrück bei ihrem „Chaplin“-Gastspiel am Mittwochabend in Gütersloh. Dass die Akteure die Mängel mit übertriebener Lautstärke wettzumachen versuchten, machte das Musical nicht wirklich besser.

Regisseur und Bühnenbildner Christian von Götz’ Gliederung der Geschichte ist einfach: Aus hübsch nostalgisch flimmernden Schwarz-Weiß-Filmsequenzen schält sich zu Beginn mit tänzerischer Biegsamkeit Verena Hierholzer als Tramp heraus. Mit charakteristischer Melone, Stock und Schnurrbart begleitet sie das weitere Geschehen als Chaplins Alter Ego.

Programmatisch düster sind eingangs die Szenen, die Charlies Kindheit und Jugend in den Londoner Slums beleuchten. Grell und bunt wie die burlesken Kostüme (Sarah Mittenbühler) dagegen wird seine Hollywood-Karriere zelebriert. Choreografin Kerstin Ried hat dabei ihre Truppe immer fest im Griff. O

perettentenor Mark Hamman gestaltet seinen Chaplin stimmsicher und vielseitig. Er ist der neckische Frauenheld ebenso wie der sich immer wieder neu erfindende Regisseur, der mit Meilensteinen wie „Goldrausch“, „Moderne Zeiten“ oder „Der große Diktator“ den Mächtigen mit einem Lächeln die Zähne zeigte. Er ist aber auch der eitle Karriererist, der über Leichen geht – selbst über die seines ersten, totgeborenen Sohns.

Chaplin hat zeitlebens polarisiert. Er wurde geliebt und gehasst, vor allem von den Frauen. Das ist der Punkt, an dem die Osnabrücker Inszenierung tatsächlich leuchtet. Denn mit Annina Hempel steht eine emotional ausdrucksstarke Mutter auf der Bühne. Celena Pieper verschafft sich mit glockenklarem Timbre Respekt als jugendliche Oona O’Neill, die Chaplins große Liebe wird. Und Kara Kemeny ist mit ihren geifernden Tönen als Klatschkolumnistin Hedda Hopper und Intrigantin der McCarthy-Ära, die Chaplin als Kommunist verleumdet, eine Wucht.

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