Charly Hübner auf Winterreise unterwegs
Bild: Pieper
Musikalischer Seitensprung in die menschlichen Abgründe: Schauspieler Charly Hübner mixte – getragen vom Ensemble Resonanz und einem exzellenten Jazz-Trio - im Theater Gütersloh Franz Schuberts „Winterreise“ mit den düsteren „Mercy Seat“-Visionen des australischen Sängers Nick Cave.
Bild: Pieper

Die Geister, die der preisgekrönte Schauspieler („Das Leben der anderen“ „Polizeiruf 110“, „Lindenberg“, Unterleuten – das zerrissene Dorf“) in seiner ganz besonderen Séance ruft, sind wahrlich dunkle Gestalten. Da ist einerseits der einsame Wanderer Wilhelm Müller, der die Texte für Schuberts „Winterreise“ lieferte, dieser preußische Soldat, der nach unglücklicher Liebesgeschichte unehrenhaft entlassen und desillusioniert von den Befreiungskriegen durch eiskalte Landschaft nach Hause stolpert. Ein menschliches Wrack, das hin und her gerissen zwischen Verbitterung, Hoffnung und Todessehnsucht von einem Gefühlsextrem ins andere schwankt. Und da ist der Frauenkiller aus der Todeszelle, ein Kandidat für den „Mercy Seat“, den elektrischen Stuhl, dem der australische Musiker, Autor und Schauspieler Nick Cave, dieser gefeierte „Schmerzensmann des Psychopunks“, mit eben diesem Titel ein Denkmal gesetzt hat.

Hübner lässt die beiden Figuren zu einer Person verschmelzen. Ein Mensch zwischen Schuld und Sühne. Ein Hybridmodell des Existenzialismus‘, teils von sinnlich-melancholischen Melodien umflort, teils von jazziger Turbobeschleunigung vorangetrieben. Ohne Vorwissen aber erschließt sich diese musikalisch-intellektuelle Logelei nicht – weshalb am Ende mancher Besucher ratlos das Theater verlässt. Schade.

Tobias Schwenke zeichnet für die Arrangements verantwortlich. So ungeniert wie gekonnt entreißt er Schuberts „Winterreise“ jedweder Biedermeierlichkeit, stellt in griffiger Pointierung und anhand ausgewählter Stücke die gewollte Schauerlichkeit des Liederzyklus‘ in den Vordergrund und verwebt dann lässig Nick Caves musikalische Dämonen damit. „All beauty must die.“

 Beeindruckend, wie das 18-köpfige, weltweit gefeierte Ensemble Resonanz, kammermusikalisches Hausorchester der Elbphilharmonie, zusammen mit dem brillanten Jazz-Trio Kalle Kalima (E-Gitarre) Carlos Bica (Bass) und Maximilian Andrzejewski (Schlagzeug) auf diesem schmalen Grat entlangbalanciert. Wie die Musiker tief in den Emotionen des Protagonisten gründeln, wie sie streichen, zupfen, schlagen oder auch mal summen, und schließlich mit Mahlers Adagietto aus der fünften Sinfonie (bestens bekannt als Filmmusik zu Viscontis „Tod in Venedig“) auf geradezu magische Weise das Ende heraufbeschwören. Das berührt schon.

Und was macht Charly Hübner? Der singt nicht wirklich gut, schauspielert für Schuberts Kunstlied-Tragik etwas zu lässig und für Cave definitiv nicht dirty genug. Aber er näselt, grollt, wütet und lamentiert ambitioniert – bis er auf dem „Mercy Seat“ Platz nimmt. Abruptes Ende der Musik. Aus. Und Applaus

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