Claus Peymann offenbart sich von A - Z
Intendant, Regisseur und Selbstdarsteller aus Leidenschaft: Claus Peymann stellte seine Biographie am Sonntagmorgen im Theater Gütersloh vor.

 Dafür hat er alles gesammelt, was Peymann gesagt und geschrieben hat sowie das, was über ihn gesagt und geschrieben wurde. Daraus gedieh eine aberwitzige, eitle, aber sehr unterhaltsame Enzyklopädie eines theaterbesessenen Egozentrikers. Ein burlesker Tummelplatz für Erbauungsgeschichten und Bußpredigten, Selbstlob und Anklagen, für Aberwitziges und Abenteuerliches aus 50 Jahren auf und hinter der Bühne.

Ein glänzend aufgelegter Claus Peymann stellte den Wälzer am Sonntagmorgen  im

A wie angejahrter 68er:
„Wir haben die Schlachten verloren und dafür dem Phlegmatismus den gesellschaftlichen Boden bereitet.“ Claus Peymann zu seinen 

 B wie Thomas Bernhard:

„Ich bin seine Witwe,“  bekennt sich Peymann zu seinem Lieblings-Theaterautor.

F wie Fehler:

„Dummerweise habe ich in Bochum einen Schauspieler rausgeschmissen: Herbert Grönemeyer. Er meinte resigniert, ich hätte aus Stuttgart so großartige Schauspieler mitgebracht, dass er nun nicht mehr wisse, was er noch diesem Theater solle. Ich antwortete ihm, das wisse ich auch nicht.“

I wie Ich:
„Ich bin laut, besserwisserisch und wahnsinnig fleißig. Ich bin ein starker Sieger und ein schwacher Verlierer. Mit anhaltendem Widerstand könnte man mich ruinieren.“ 

 O wie Ortswechsel: „Die Berliner sind völlig unmusikalisch. Dafür sind sie offen aggressiv, wo die Wiener subkutan böse sind.“ 

S wie Solidarität: „Solidarität mit den Schwachen und den Mächtigen die Masken herunterreißen, das ist mein künstlerischer Ausgangspunkt. Die Künstler prägen das Gesicht eines Landes. Sonst gäbe es ja nur noch Angela Merkel und Roland Koch.“

 U wie Uhr: „Angst vor dem Alter. Ich bin ja doch schon heftig dran. Mit Besinnung aufzuschauen, loslassend um mich zu blicken, davor hätte ich Angst. Deshalb vermeide ich Ruhe. Ich greife Krisen sofort an. Ich erschrecke sie, indem ich sie anbrülle. Die größte Lebenskrise ist die zwischen Theaterdirektor und Regisseur: Wenn der Regisseur verliert und der Direktor überhandnimmt, dann bin ich todtraurig.“

Theater Gütersloh einem gebannt lauschenden, amüsierten Publikum vor – nachdem er dem Theaterneubau „Guggenheim“-Charme attestiert und seine Beziehung zu Gütersloh als langjährig gepriesen hatte. Schließlich seien schon seine Eltern im Bertelsmann-Buchclub gewesen.

Und dann ließ der „Großfürst der Schnürböden“ nach eigenem Bekunden „die Hosen herunter“. Welch ein Parforceritt durch die deutschsprachige Theaterszene und gesellschaftliche Befindlichkeiten. Mit Stolz erinnerte sich Peymann an die bahnbrechende Uraufführung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ in Frankfurt. Er nahm die Zuhörer mit in das vom Rotkohl-Duft geschwängerte Stuttgart, wo er als Teil einer „ganz besonderen Jagdgesellschaft“ zum Halali auf die konservative Mehrheitsmeinung blies und eine Spendensammlung für die inhaftierte RAF-Terroristen Gudrun Ensslin initierte, die Zahnersatz brauchte.

Famos, mit welch bitterböser Freude er noch einmal in die „hundsgefährliche Hölle“ des Wiener Burgtheaters abtauchte, wo er Stammbelegschaft, Publikum und Politik sowie die wichtigen Kritiker gegen sich aufbrachte. Wie er vor allem letztere vorführte, weil die ihm ob einer angeblich bei Shakespeares „Sturm“ zu Schaden gekommenen Schlange ans Leder wollten, das war grandiose Satire, die Peymann sichtlich auszukosten wusste: „Mein piefkonesischer Reißzahn wird auch künftig alle journalistischen Giftschlangen zu Tode beißen“, versprach er seinen Gegnern.

Doch der Mann hat auch leise Töne zu bieten. Gedanken übers eigene Scheitern etwa, über verloren gegangene  Träume oder den Tod. Grund zum Granteln ist das aber alles nicht. „Wer bin ich denn, dass ich die Realität anerkennen würde?“, fragt der 75-Jährige kämpferisch. Claus Peymann eben.

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