Corinna Harfouch als herzenskalte Phädra 
Bild: Poetter
Fatale Liebe: Phädra (Corinna Harfouch) wird von Hippolyth (Alexander Khuon) zurückgewiesen. Szene der Neuinszenierung des Deutschen Theaters Berlin, die jetzt im Theater Gütersloh gefeiert wurde.
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Was tun, wenn man von tiefen Scham- und Schuldgefühlen gebeutelt wird? Sich in den Stiefsohn Hippolyth verliebt hat, während der königliche Gemahl, Theseus, kriegerisch unterwegs und verschollen ist?

 Phädras Konflikt, das ist der Stoff für eine große Tragödie. Jean Racine schrieb dieses Meisterwerk der klassischen Sprache 1677 als einen Text über den nach Wahrheit suchenden und in seine Leidenschaften verlorenen Menschen. 1805, kurz vor seinem frühen Tod, hat Friedrich Schiller den in französische Paarreime gefassten Text in pathetisch-affektiv anmutende rhythmische Blankverse übersetzt. „Im Heute steht dieser Text wie ein Monolith“, schreibt das Deutsche Theater Berlin (DT) in seiner Ankündigung für seine Neuinszenierung: „fremd, tief, gewaltig“. Eine Übersetzung, auf die sich Stefan Kimmigs Inszenierung der antikisierten Tragödie stützt.

Auf der Bühne des Gütersloher Theaters haben am Sonntag das gesprochene Wort – und die Kraft der Darstellung gegolten. Mit einer großartigen Corinna Harfouch in der Rolle der Minostochter Phädra und einem nicht minder ambitionierten Ensemble an ihrer Seite. Nach zwei Stunden intensivem Spiel ohne Pause gibt es stehende Ovationen für diese liebestolle, aber herzenskalte, hochmütige Rationalistin. Man kennt die rachsüchtige Phädra bislang wutschäumend und rasend, aber in Harfouchs angsteinflößender Erstarrtheit wirkt sie noch viel beeindruckender.

 In verzehrender Leidenschaft zu Hippolyth (Alexander Khuon) entbrannt, gesteht ihm Phädra offen ihr Begehren. Eine Zunei-gung, die der biedere junge Mann gegenüber der älteren Frau nicht erwidert. Er geht auf Distanz. Hat er sich doch in die kokett-temperamentvolle Aricia (Linn Reusse) verliebt, die zusammen mit ihrer Vertrauten Panope (Mascha Schneider) als politische Gefangene am Königshof lebt. Ein Geheimnis, das die intrigante Oenone (Kathleen Morgeneyer), Phädras Vertraute, der Königin nicht ohne Hintersinn „steckt“. Gedemütigt und maßlos vor Zorn, sinnt Phädra auf Rache und spinnt eine tödliche Intrige.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf, wird zwischendurch zur Ehefarce, als der als tot geltende Theseus (Bernd Stempel) an den Hof zurückkehrt. Ein sich machohaft gebender, abgehalfterter Don Juan, der seine Frau nur gönnerhaft begrüßt. Phädras Gesichtszüge entgleisen. Geradezu versteinert, schafft sie es nicht, den Heimgekommenen zu umarmen. Beeindruckend, wie sich Phädras Gemütszustand als ebenso wechselhaft wie ihre Perücken und Kostüme (Johanna Pfau) erweist – von der schwarzen Langhaarperücke mit Gothic-Outfit über einen verführerischen Rotschopf bis hin zum blonden Bob.

Lodernde Flammen der Hölle

Phädras Intrige hat derweil fatale Folgen. Vom Vater wegen seines (angeblichen) Fehlverhaltens verstoßen, kommt Hippolyth bei einem kriegerischen Angriff tragisch zu Tode. Sein Freund Theramen (Jeremy Mockridge, ernsthaft spielender, bühnengewandter Bruder von Comedy-Star Luke Mockridge) überbringt die Hiobsbotschaft. Phädra, die Frau, die ihrer Leidenschaft nicht nachkommen konnte, nimmt Gift, wälzt sich am Ende im knallroten Tüllreifrock, als seien es lodernde Flammen der Hölle, und lässt sich von ihnen verschlingen – lustvoll.

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