Das Bootshaus-Wunder nimmt Gestalt an
Bild: Scheffler
Zufrieden: Rolf Theiß, der Vorsitzende der Gütersloher Faltbootgilde, freut sich über die Baufortschritte an der Ems und darauf, dass das sportliche Leben ins neue Vereinsheim zurückkehrt.
Bild: Scheffler

Zwei Tage später um 18 Uhr folgen die Älteren. Ein Wunder? Dem Vereinsvorsitzenden Rolf Theiß kommt es fast so vor, wenn er an die „unvorstellbare Unterstützung“ denkt. Denn nur so konnte der Kraftakt gelingen, das Vereinsheim neu entstehen zu lassen.

Das eingeschossige Holzhaus misst 30 mal 9 Meter und hat eine Nutzfläche von 250 Quadratmetern – 50 weniger als das zerstörte Heim. Die Arbeiten gehen gut voran. Zusammen mit dem Vereinselektriker Willi Plümpe planten die Ausbildungsabteilungen der Stadtwerke Gütersloh und des Unternehmens Fritz Husemann die Elektrik des Neubaus und installieren sie. Außer dem Strippenziehen stehen noch Malerarbeiten an, müssen die Sanitäranlagen fertiggestellt und Möbel eingebaut werden. Ende August kommt die neue Küche.

Mit fröhlichem Gesicht schaut Theiß auf die etwa 35 Kajaks und Kanadier, die seit ein paar Tagen zurück im Bootshaus sind. „Die Rollregale stehen fertig geschweißt in Marienfeld, müssen nur noch verzinkt werden. Dann haben wir Platz für 90 Boote“, sagt Theiß voller Tatendrang.

Fassungslos und am Boden zerstört war der 68-Jährige, als er vor eineinhalb Jahren kaum mehr etwas aus dem Flammenmeer retten konnte. Nur zwei Kanadier blieben erhalten. Von einem Tag auf den anderen waren 126 Boote weg, dazu die gesamte Ausrüstung. „Es stellte sich die Frage, ob wir den geregelten Wiederaufbau schaffen und gleichzeitig die Jugendlichen bei der Stange halten können“, erinnert sich Theiß. „Dieser Spagat ist gelungen, weil es 100 Prozent Zustimmung der Mitglieder gab. Es ging ein Ruck durch den Verein, er war wie neu geboren.“

Dank der inneren und äußeren Unterstützung – sei es in Form von Geldspritzen, neuen Booten, Arbeitsstunden oder Material – konnte die Faltbootgilde den Neuanfang stemmen. So ermöglichte „Bademeister“ Matthias Markstedt den Kanuten in einer spontanen Hilfsaktion, ihr Training im Wapelbad durchzuführen. Das Sportprogramm ging weiter. So reisten Anfang der Sommerferien Jugendliche der Faltbootgilde zum Wildwasserfahren ins österreichische Kärnten. In den Herbstferien wartet Bispingen in der Lüneburger Heide. Die Ferienspiele werden wie geplant an diesem Wochenende am neuen Bootshaus stattfinden – nur die Übernachtung ist noch nicht möglich.

Seit im Oktober 2013 die außerordentliche Mitgliederversammlung der Faltbootgilde einmütig beschlossen hat, unter Regie des Architekten Walter Hauer den Bauantrag zu stellen, ist an der Ems viel passiert – auch, weil Mitglieder und Freunde des Vereins mit angepackt haben. Die Kanuten demonstrierten Geschlossenheit, rückten in den Fokus der Öffentlichkeit und wurden belohnt.

Heute beträgt die Mitgliederzahl 250 (davon rund 70 Kinder und Jugendliche), das sind 30 mehr als vor dem Brandanschlag. Dank etlicher Spenden konnte die Deckungslücke – 350 000 Euro Baukosten bei 212 000 Euro Erstattung durch die Versicherung – klein gehalten werden. Auch das Fürstenhaus Rheda, in dessen Besitz sich das Grundstück befindet, reagierte: Der Pachtvertrag mit der Faltbootgilde wurde zu gleichen Konditionen um 25 Jahre verlängert.

Zwar wird das „organisierte Chaos“ (Theiß) auf der Baustelle noch ein paar Wochen anhalten, doch Licht am Ende des Tunnels ist längst zu sehen. Der Vorsitzende scheut zwar eine Prognose für den Einweihungstermin, aber einen Tag im November kann er sich dafür vorstellen.

Bis dahin erhält das Gebäude noch eine Holzplattform auf den Stahlträgern vor der Eingangsfront. Die Höhe sei so bemessen, dass selbst ein Jahrhundert-Hochwasser keinen Schaden anrichten könne, so Theiß. Apropos Schutz: Alle Türen und Fenster werden mit einer Sicherungsanlage ausgestattet. Videokameras überwachen zudem das Gelände.

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