Das flippige Ende der Sonnenallee
Romanze „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“: Szene aus der Musical-Inszenierung des Altonaer Theaters, die am Wochenende in Gütersloh gefeiert wurde. 

Musik, die in der DDR verboten ist. Trotzdem dreht sich in den Köpfen der Clique alles um die Songs von den Stones, den Doors und Black Sabbath. Die jungen Leute müssen nur aufpassen, dass sie beim Hören dieser von der Stasi „verboadenen“, von Freiheit und Liebe handelnden Songs nicht erwischt werden.

Peter Dehler, 1963 in Leipzig geboren und aufgewachsen, hat Thomas Brussigs 1999 erschienenen und verfilmten Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ für das Altonaer Theater als schmissiges Musical mit Live-Musik in Szene gesetzt. Eine Bühnenadaption, die von der mitreißenden Spiel- und Sangesfreude des überaus gut aufgelegten, neunköpfigen Ensembles und der dreiköpfigen Band (Leitung: Johann Carlson) lebt. Kurz: Ein unterhaltsames, locker serviertes Stück, das den begeisterten Besuchern im Theater Gütersloh am Samstag ganz ohne belehrenden Zeigefinger eine überaus vergnügliche Nachhilfestunde in Sachen DDR-Alltag erteilte.

 Großartig, wie Marco Reimers als eigentlich schüchterner Micha, der taffe Mario (Tino Frers) und der musikbesessene Wuschel (Mats Kampen) die Bühne rocken, sich beim Louis-Armstrong-Song „What A Wonderful World“ ihr Leben schön singen, um dann „Don’t Worry Be Happy“ zu gröhlen. Wie ein roter Faden zieht sich der DDR-Kulthit „Am Fenster“ der legendären Ostgruppe „City“, am Ende serviert mit einem wunderbaren Geigensolo, durch die Inszenierung. Ein Klassiker, der noch immer zu Herzen geht.

 Die Besucher erleben aber auch, wie die Stones Wuschels Leben retten: Endlich hat er für „wahnsinnige“ 50 Westmark aus dubiosen Kanälen das legendäre Album „Exile On Main Street“, original verpackt, ergattert – da trifft ihn eine verirrte Kugel aus der Waffe eines Volkspolizisten. Die beiden Platten retten zwar Wuschels Leben, sind aber zerbrochen. Die Tränen fließen.

Anpassen und überleben

Keine Frage, selbst im übermächtigen Schatten von Mauer und Stasi, versuchen die drei Freunde das Beste aus ihrem Leben zu machen, ohne sich allzu sehr anzupassen. Auch Michas Eltern, unterstützt vom West-Onkel Heinz (Olaf Paschner), arrangieren sich. Während die in dottergelber Kittelschürze agierende Frau Kuppisch (Elena Meißner) brav das Neue Deutschland abonniert, flüchtet sich ihr Mann Horst (Dirk Hoener) in Eingaben. Sie waren in der DDR die einzige Möglichkeit, sich gegen staatliche Willkür zu wehren. Im Theater werden sie zum „running gag“.

 Und dann sind da noch die von Micha so verehrte Miriam (Stella Roberts) und die kapriziöse Jasmin Wagner, die als Existentialistin und malende Freundin von Mario daherkommt. Lockere Typen, die einfach nur Spaß haben wollen, die sich Farbe ins Gesicht schmieren, gern Party machen und dabei kräftig ins Glas schauen. Da gibt es keine Unterschiede zwischen Ost und West: betrinken ist betrunken. Viel Applaus, der mit mehreren Zugaben belohnt wurde: „Highway To Hell“ von ACDC, Rio Reisers „Zauberland“ mit einem großartigen Volker Zack Michalowski als Interpret und noch einmal „Am Fenster“. Bei so viel Kult hielt es auch die Besucher nicht mehr auf den Sitzen. Es gab stehende Ovationen für Musiker und Schauspieler.

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