Das verflixte neunte Jahr am Stiftischen
Bild: Dinkels
Klassentreffen nach 65 Jahren: (v. l.) Professor Dr. Friedrich-Wilhelm Schnurr, Pastor Hans Wilhelm Florin, Dr. Gerhard Kirchner, Dr. Gerhard Wachtelborn, Johann Heinrich Brüning, Helmut Lütkemeyer, Dr. Gebhard Dirksen und Dr. Peter Zinkann machten 1949 am Evangelisch Stiftischen Gymnasium das Abitur.
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Und doch haben die Abiturienten des Jahrgangs 1949 am Evangelisch Stiftischen Gymnasium (ESG) beachtliche Karrieren vorzuweisen. An diesem Freitag haben acht einstige Schüler, alle in den Achtzigern, ihrer ehemaligen Penne nach 65 Jahren einen Besuch abgestattet. Sie treffen sich alle fünf Jahre in Gütersloh. Die Zusammenkünfte organisiert als Klassenkamerad der ehemalige Geschäftsführende Miele-Gesellschafter Dr. Peter Zinkann (85).

Die weiteste Anreise hatte Pastor Hans Wilhelm Florin aus Saint Paul im US-Bundesstaat Minnesota. Er ist der Sohn des ESG-Pfarrers Wilhelm Florin (1894 bis 1944), an den Professor Dr. Rolf Wischnath kürzlich in einem Vortrag erinnerte.

Es waren 22 Schüler, die in der Klasse 1949 das Abitur ablegten. Von ihnen erlangten 13 den Doktortitel und fünf wurden Universitätsprofessoren, wie Zinkann berichtete. Vier blieben in Gütersloh, darunter der spätere Gärtnermeister, Ingenieur und CDU-Fraktionschef Helmut Lütkemeyer (85). Die übrigen zogen in die Welt hinaus. 13 Mitschüler sind inzwischen gestorben.

Der Zweite Weltkrieg brachte einen Einschnitt in die bis dahin beschaulichen Schullaufbahnen. Im Herbst 1944 wurde der Jahrgang 1928 zum Militär eingezogen. „Wir hatten als Luftwaffenhelfer Unterricht in der Flakstellung“, hieß es am Freitag. Zinkann, der 1944 aus Süddeutschland nach Gütersloh kam und auf dem Flughafen Dienst leistete: „1945 hat keiner von uns auch nur eine Stunde Unterricht gehabt.“

Die Schule wurde bei Luftangriffen am 26. November 1944 (Totensonntag) und am 28./29. Januar 1945 weitgehend zerstört. Erst Anfang 1946 wurde der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Ohne Bücher, Hefte und Stifte – die Lehrer mussten improvisieren. Die kommissarische Leitung übernahm der von allen geschätzte Johannes Kellner. Auch an der Schule begann eine neue Zeit. Die Jugendlichen wurden in Demokratie geschult und ein Schülerparlament wurde gewählt.

Bis 1948 genossen die Pennäler eine breite Bildung. Latein sprechen einige noch heute. Dann kam das „verflixte neunte Jahr“ (Zinkann): Eigentlich hätte die Schüler nach acht Jahren am Gymnasium das Abitur machen sollen, aber kurz zuvor wurde – eine heute erneut geführte Diskussion – die Schulzeit wieder auf neun Jahre verlängert. Es gab keine Lehrpläne für das letzte Jahr. „Wir wussten nicht, was wir machen sollten.“ Es blieb also Zeit für Unfug und Streiche, von denen einige am Freitag wieder in Erinnerung gerufen wurden.

1949 in der Abiturprüfung standen vier Klausuren (Deutsch, Englisch, Mathe und Latein) sowie drei mündliche Prüfungen an. Heute unvorstellbar: „Wir wussten vorher nicht, in welchen von 14 Fächern wir mündlich geprüft werden“, so Zinkann (dessen Ambitionen im Sportunterricht nach den Worten seiner Klassenkameraden begrenzt waren).

Die Abifeier fand abends in der Gaststätte Theismann an der Berliner Straße statt. Lütkemeyer rückblickend: „Es war eine schöne Zeit, und wir hatten sehr gute Lehrer.“ Nach dem Empfang durch die stellvertretende Schulleiterin Dr. Dorothee Pietzko besuchten die Gäste am Freitag auch das Miele-Museum.

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