Demagoge von nebenan: „Der Reichsbürger“
Bild: Pieper
Will König sein im eigenen Land: Wilhelm Schlotterer vom Theater Münster lieferte als „Der Reichsbürger“ eine beeindruckende und beängstigende Darstellung im Theater Gütersloh.
Bild: Pieper

 Kleinkariert wie sein Hemd ist seine Gesinnung. Einer dieser typischen Spinner und Querulanten möchte man meinen, die sich in ihren bizarren Verschwörungstheorien suhlen, ihre skurrilen Autonomiebestrebungen propagieren und ihrem bürgerlichen Ungehorsam im gleichen Maß huldigen wie der Bequemlichkeit auf ihrem Sofa im Gelsenkirchener Barock. Dazu muss der Heino ja im Hintergrund das Vaterlandslied schmettern: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte.“ Bums! Granate!

 Das passt alles so schön zusammen. Dieser glatzköpfige, schwitzende, ätzende Schwadronierer, der die Existenz der Bundesrepublik negiert, von einer Marionettenregierung faselt, das Grundgesetz ablehnt, weder Steuern noch Bußgelder bezahlt und sich mit gelbem Flatterband ums Grundstück seinen eigenen Staat schafft, ist schließlich der Prototyp eines Reichsbürgers. Ein Charakter, der sich aus Meldungen, die man über diese Spezies in all ihren sektiererischen Facetten kennt, speist.

Aber im gleichnamigen Bühnenstück des Autorenteams Annalena und Konstantin Küppers, Auftragswerk für das Theater Münster, geht es nicht nur um die Demaskierung des Monsters von nebenan, sondern vor allem um die Wirkung von aktueller rechter, rassistischer und antisemitischer Demagogie. Wer glaubt, dagegen als bildungsbeflissener Theatergänger oder politisch aufgeklärter Zeitgenosse gefeit zu sein, der irrt. Bums! Granate!

Subtil durchlöchert Schauspieler Wilhelm Schlotterer als mephistophelischer Manipulator in seinem 90-minütigen Parforceritt die bürgerliche Gewissheit, in einem Rechtsstaat zu leben. Er perforiert mit Halbwahrheiten den Sinn und Zweck des Gemeinwohls, begräbt in perfiden Hasstiraden den Gesellschaftsvertrag. „Sie mögen Multi-Kulti? Ihnen tun die Flüchtlinge leid? Verstehe ich. Aber ihr Kind wollen Sie doch auch nicht in einer Schulklasse mit lauter Schwarzköpfen sitzen haben, oder?“ Bums! Granate!

 Erschrocken halten die Zuschauer inne, wenn sie sich dabei ertappen, dass sie das eine oder andere Gehörte tatsächlich verständnisvoll abnicken. Da lächelt der Reichsbürger und greift gestärkt zur Waffe. Denn am Ende geht es – wieder einmal – darum, das vermeintlich wahre Deutsche zu verteidigen. „Und wenn der Tag kommt“, so verspricht er, „werden viele von uns da sein. Sie warten schon.“ Bums! Granate!

Atemlose Stille. Es dauert, bis applaudiert wird. Zaghaft und verunsichert. Man will ja die darstellerische Leistung des Schauspielers durchaus würdigen. Aber dieser Reichsbürger geht unter die Haut, sitzt im Kopf. Den kann man nicht einfach wegklatschen. Damit muss man sich auseinandersetzen. Wehret den Anfängen.

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