Denis Scheck checkt die Klassiker 
So selbstbewusst wie eloquent: Denis Scheck stellt am Dienstag, 4. Februar, die seiner Meinung nach 100 wichtigsten Klassiker der Weltliteratur in der Gütersloher Stadtbibliothek vor. Der Abend ist ausverkauft.

Es ist seine ganz persönliche Auswahl an Klassikern. „Die Glocke“ hatte vorab Gelegenheit, sich mit dem eloquenten Formulierer und Streiter zu unterhalten.

 „Die Glocke“: Herr Scheck, ist jeder Klassiker automatisch ein Stück Weltliteratur – und umgekehrt?

Scheck: Iwo. Es gibt Klassiker, die kommen so tumb und provinziell daher wie ein Schwarzwälder Ziehharmonika-Orchester, während sich andere so weltläufig gerieren wie Cary Grant im Smoking. Das ist wie beim Essen: Grünkohl mit Pinkel kann eine feine Sache sein, wird aber nie ein Klassiker internationaler Speisekarten werden.

„Die Glocke“: Was muss ein Buch haben, um von Ihnen als Klassiker gesehen zu werden? Und welchem Buch sprechen sie den Weltliteratur-Status ab?

 Scheck: Ein Buch, das zur Weltliteratur zählt, muss meine Sicht auf diese Welt nachhaltig verändern. Jane Austen, Kafka oder Beckett gelingt dies mühelos.

„Die Glocke“: Haben Sie einen Lieblings-Klassiker? Scheck: Natürlich: die Entenhausen-Comics von Carl Barks.

„Die Glocke“: Welchen Klassiker halten Sie für unlesbar?

Zur Person: Denis Scheck, der Mann, der sich nicht scheut, Bücher, die ihm nicht gefallen, im Fernsehen einfach über eine Rampe zu entsorgen, gründete bereits als 13-Jähriger seine erste eigene literarische Agentur. Als Übersetzer und Herausgeber engagierte sich der aus Stuttgart stammende, in Köln ansässige 55-Jährige für Autoren wie Michael Chabon, William Gaddis und David Foster Wallace, Antje Strubel und Judith Schalansky. Lange arbeitete er als Literaturkritiker im Radio. Heute ist er Moderator der Fernsehsendungen „Lesenswert“ im SWR und „Druckfrisch“ in der ARD. Der unter anderem mit dem Champagner-Preis für Lebensfreude ausgezeichnete Dampfplauderer hat zusammen mit seiner Frau, der Journalistin Christina Schenk, eine Sammlung von Aphorismen von Oscar Wilde herausgebracht.

 Scheck: Keinen. Das ist in der Literatur wie im Leben generell: Nicht immer ist man für eine bestimmte Erfahrung offen. Manchmal möchte man Hölderlin lesen und manchmal Agatha Christie.

„Die Glocke“: Woher haben Sie den Mut genommen, nach „nur“ 100 Werken einen Schlusspunkt unter Ihren Kanon zu setzen?

Scheck: Das habe ich von Martin Luther gelernt, der die goldene literaturkritische Regel prägte: „Tritt fest auf, machs Maul auf, hör bald auf!“

„Die Glocke“: Wo ordnen Sie die mit einem Nobelpreis gewürdigten Werke ein? Oder anders gefragt: Warum hat Handke für Sie nicht die Qualitäten, um sich in Ihrem überraschend bunten Reigen zwischen Goethe und J. K. Rowlings, Tolstoi und Agatha Christie einreihen zu dürfen?

Scheck: Der von mir heiß verehrte Arno Schmidt nannte den Nobelpreis einmal „das Stigma der Mittelmäßigkeit.“ Proust, Kafka, Joyce, Svevo, Stein, Nabokov, Schmidt – sie alle fuhren ohne Literaturnobelpreis in die Grube. Wir sollten diesen Preis also nicht gar so wichtig nehmen. Und was Peter Handke betrifft, der war durchaus in meiner engeren Wahl für den Kanon, aber um lebende Autoren habe ich aus Gründen des Respekts eher einen Bogen gemacht.

„Die Glocke“: Welchen Unterhaltungswert darf und/oder muss ein Klassiker haben?

Scheck: Für langweilige Bücher ist das Leben definitiv zu kurz.

 „Die Glocke“: Sie sind nicht nur auf der Buchmesse ein viel gefragter Interview-Partner zur Bewertung der Neuerscheinungen – und des Leseverhaltens der Menschen. Ist es in Zeiten, in denen immer weniger gelesen wird, noch sinnvoll, die Klassiker zu predigen, statt das Augenmerk auf zeitgenössische Literatur zu lenken? Oder hat die weniger an intellektueller, humanistischer oder moralischer Ausbeute zu bieten?

 Scheck: Emanzipation heißt auch, sich von den Moden, Tollheiten und Zumutungen des jeweiligen Zeitgeists frei zu machen. Mich hat immer interessiert, was uns heute noch jene Menschen zu sagen haben, die auf dem Friedhof liegen. Wer sich nur an seine Gegenwart verliert, der versäumt zum Beispiel all die radikalen Fragen, die etwa aus der Beschäftigung mit der antiken griechischen oder römischen Literatur resultieren.

 „Die Glocke“: Wie Reich-Ranicki haben auch Sie klare Lieblingsfeinde unter den Schreibenden. Weder Krimi-Bestseller-Autor Sebastian Fitzek noch der spirituelle Paulo Coelho finden bei Ihnen Gnade. Warum?

Scheck: Die Neurowissenschaft weiß, dass wir durch jede Lektüre unser Gehirn irreparabel prägen. Coelho oder Fitzek zu lesen, bedeutet für unsere Gehirne also etwa das, was fünf Schachteln Roth-Händle für unsere Lunge bedeuten.

„Die Glocke“: Glauben Sie, dass Ihr Kanon auch einmal zu den Klassikern des deutschen Literaturbetriebs zählen wird?

Scheck: Wieso nur des deutschen?

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