Die Gütersloher Sage vom grünen Baum
Bild: Pieper
Werner Honigmund, 79-jähriger Architekt aus Gütersloh, weiß vieles über die Sage vom grünen Baum.
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„Die Glocke“ macht sich in ihrer neuen Serie „Gütersloher Geschichten“ auf Spurensuche. Zum Auftakt geht es um „Die Sage vom grünen Baum“.

 Zu jener Zeit, als es in Gütersloh noch keine Eisenbahn gab, da konnte man von der Wilhelmstraße (heute Carl-Bertelsmann-Straße) auf das ganze Dorf mit seiner (Apostel-)Kirche blicken. So beginnen sowohl Bürgermeister Friedrich Wilhelm Friebe (1813 – 1861) als auch Volksschulrektor Ewald Kissing (1901 – 1969) ihre Erzählung. Nicht ganz einig sind sich die beiden indes in der zeitlichen Verankerung. Wiebe spricht von grauer Vorzeit, Kissing vom 30-jährigen Krieg.

Wie auch immer, sicher sind sich beide, dass zu jener Zeit „die Kirche den „wahren Gläubigen verschlossen blieb von den Feinden des Evangeliums“. Wer immer damit gemeint ist, mussten sich die Gläubigen jedenfalls vor dem Dorf zum Beten treffen. Sie scharten sich um einen vertrockneten Baum, der prompt zu grünen begann. Das wurde als ein Zeichen des Himmels und der Hoffnung auf ein baldiges Ende dieses unwürdigen Zustands gewertet. Was allerdings nicht der Fall war. Einige Jahre mussten die Christen im Schatten ihres Wunderbaums ausharren, ehe sie wieder in die Kirche durften.

 Der Baum muss bis Mitte des 19. Jahrhunderts dort gestanden haben, wo heute die Bahnunterführung ist. Dann wurde er gefällt. Bürgermeister Wiebe notierte: „Bei der Erbauung der Eisenbahn fiel diese Zierde der Stadt unter der unbarmherzigen Axt der materiellen Interessen“. Ein erstaunlich kritischer Kommentar zur Gründerzeit.

 Doch auch als das Gehölz beseitigt war, behielten Platz und Umgebung den Namen „Grüner Baum“. „Für meine Großeltern Bernhard und Elise Witte war es deshalb auch ganz logisch, dass sie ihre 1896 an der Wilhelmstraße 8 erbaute Gaststätte ,Unterm grünen Baum‘ (heute ,Mandarin‘) nannten“, erzählt Werner Honigmund im Gespräch mit der „Glocke“. Der 79-jährige Architekt ist noch in dem Haus geboren worden und weiß so manches über das Gebäude und dessen Bewohner zu erzählen.

Ob es allein die Tatkraft von Elise Witte gewesen ist oder ob es an den Kräften des „grünen Baums“ gelegen hat – ihre Gastwirtschaft florierte jedenfalls prächtig. Was wohl nicht zuletzt daran lag, dass während des Ersten Weltkriegs die am gegenüberliegenden Bahnhof ankommenden und abfahrenden Soldaten mit Essen versorgt werden mussten. „Bis zu 1000 Mann wurden da manchmal pro Tag abgefüttert“, weiß Honigmund.

Der Schatten reicht weit

Unterstützt wurde die Gastwirtin von jungen Frauen, die hier das Kochen lernten und arbeiteten, bis sie heirateten. Dass sie in einer am Langen Weg aufgebauten Außenküche, also direkt an den Gleisen arbeiteten, machte nicht nur die Essensausgabe einfacher, sondern hat wohl auch noch so manchem Soldaten Gelegenheit zu einem letzten Flirt vor der Front gegeben.

 „Unterm grünen Baum“ war später auch Treffpunkt der Spexarder. „Sonntagsmorgens fuhren sie mit der Kutsche dorthin, stellten die Pferde in den anliegenden Ställen unter und gingen dann zu Fuß zur St.-Pankratius-Kirche“, erinnert sich Honigmund. Nach dem Gottesdienst kehrte man zu Kaffee und Kuchen oder auch zum westfälischen Gedeck – Bier und Korn – in die Gaststätte ein. „Und ehe die Bauern nach Hause fuhren, kauften sie noch schnell eine Kuhkette oder andere notwendige Kleinigkeiten“ ein, die „Unterm grünen Baum“ auch angeboten wurden. Nicht von ungefähr richtete Honigmunds Onkel Wilhelm „Töti“ Gronebaum einen Landmaschinenhandel auf dem hinteren Gelände der Gastwirtschaft ein.

Werner Honigmund gefiel die Gastronomie nicht. Er wurde wie sein Vater Architekt. Aber: „Mein Geschäft wuchs in Gütersloh aber auch ganz gut“, lächelt der 79-Jährige. Der Schatten des grünen Baums reicht eben weit.

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