„Die Irren“ versuchen die Welt zu retten
Bild: Pieper
Formieren sich zum Widerstand gegen die Kapitalisten. Szene aus „Die Irren“, einem Stück der Zwölftklässler der Friedrichsdorfer Waldorfschule.
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Und dabei sind ausgerechnet sie es, die im gleichnamigen Stück der Zwölftklässler der Friedrichsdorfer Waldorfschule genug Verstand haben, um die Menschheit zu retten. Am Donnerstag, 22. Juni, 20 Uhr, hat dieses bizarre Märchen frei nach Jean Giraudoux’ Stück „Die Irre von Chaillot“ Premiere.

Hatte der französische Schriftsteller und Diplomat mit seiner doppelbödigen Geschichte 1943 eine bittere Satire auf das Treiben der Spekulanten während der deutschen Besatzung in Paris geschrieben, kommt die Geschichte bei

Weitere Aufführungen: Freitag und Samstag,
23. und 24. Juni, 20 Uhr, Sonntag, 25. Juni, 17 Uhr. Jeweils eine halbe Stunde vorher gibt es ein Büfett.

Der Eintritt ist frei, um Spenden für die Theaterarbeit wird gebeten.

den Waldorfschülern zwar nicht weniger anarchisch, aber weitaus zeitgemäßer daher. Regisseur Jonas Theobald, Pädagoge am Bielefelder Alarm-Theater, hat sie umgeschrieben und ins heutige London verfrachtet. Dort herrschen skrupellose „Macker“, denen es in Zeiten einer schönen neuen virtuellen Welt nur um Profit geht. Sie kaufen und verkaufen alles: Akten, Daten, jede verfügbare elektronische Info über jeden Menschen. Sie manipulieren, drohen, wollen Bürger, Arbeiter und Konsumenten zu ihrer willfährigen Verfügungsmasse machen. Ihr Gott ist das Geld, ihre Muse der Mammon.

Doch sie haben nicht mit Pete (Aaron Schäfer, alternierend Michael Wittrahm) gerechnet, der sie belauscht, aus Panik flüchtet und nach einem misslungenen Suizidversuch bei der „Comtesse“ (Ida Beckers/Paula Damberg) landet. Sie ist die „Irre vom Eastend“, Leitfigur eines bunten Völkchens verlorener Seelen. Gemeinsam nehmen sie den Kampf gegen die Kapitalisten auf, klagen sie in einer fiktiven Verhandlung an und locken die lebensunfrohen Raffzähne schließlich zur Vollstreckung des Urteils in einen vergessenen Atomschutzbunker. Bleibt die Frage nach der Moral: Wie weit darf, soll und muss man gehen, um die Strippenzieher eines despotischen, menschenverachtenden Systems zur Rechenschaft zu ziehen? Aktueller kann junges Theater kaum sein.

Beeindruckend, mit welcher spielerischen Leichtigkeit sich die Schüler der gesellschaftskritischen Thematik und der Vielschichtigkeit der Charaktere annehmen. Wie sie zwischen Schicki-Micki-Cafeteria, einem Big Ben aus glitzernden CDs, zwischen Hinterhof-Tristesse und Romeo- und Julia-Idylle auftrumpfen. Applaus auch für die Bühnengestaltung, bei der unter anderem selbstproduzierte Videos per Greenscreen-Verfahren zu eindrucksvollen Szenarien mutieren. Der Besuch lohnt sich.

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