Die Mauer im Gedächtnis
Bild: Pieper
Die Gütersloher Ulf Lange (links) und Bernd Müller sind  unmittelbare Zeitzeugen des Berliner Mauerbaus vom August 1961.
Bild: Pieper

„Ich hatte einfach Riesenglück“, bekennt der 70-Jährige. Gemeinsam mit Bernd Müller (67), einem langjährigen „Interzonenspediteur“, hat Lange im Rahmen der aktuellen Sonderschau: „Vergessen? – Schlaglichter auf Staat und Alltag in der DDR“ im Stadtmuseum seine Geschichte jetzt aus jenen Tagen erzählt, als Deutschland vom SED-Regime geteilt, Familien zerrissen und Freunde getrennt wurden.

 Ulf Lange hatte sich 1960 geweigert, eine Bereitschaftserklärung zum Beitritt der Nationalen Volksarmee zu unterschreiben. Prompt „delegierte“ ihn sein Betrieb in ein Jugendlager. Gräben ausheben, Böschungen abschaben und abends politische Bildung. Er wollte weg, über die damals noch halbwegs offenen Grenzübergänge fliehen – so wie tausende andere auch. Es hatte ihn hellhörig gemacht, als eine SED-Sekretärin erklärte „Die DDR blutet aus an Fachleuten. Wir werden uns was einfallen lassen.“

 Ulf Lange fuhr zu seinem Bruder. Der und ein Freund verfügten als Ostberliner im Gegensatz zu dem jungen Haller über die begehrten roten Personalausweise, mit denen man leichter nach Westberlin einreisen konnte. „Anfang August 1961 war an allen Übergängen und in allen Zügen so viel los, dass die Vopos die Übersicht verloren, als sie uns im Zug überprüften, die beiden roten Pässe meiner Begleiter sahen und nicht darauf achteten, dass ich meinen blauen gar nicht erst zog“, erinnert sich Lange. Während andere „Republikflüchtlinge“ aus dem Zug gezerrt wurden, rutschte er durch.

Mehrere Tage lang wurde er von den amerikanischen, französischen und britischen Geheimdiensten befragt, ehe ihn am 10. August eine Pan-Am-Maschine von Tempelhof nach Hannover brachte. Über Stukenbrock kam er zu Verwandten nach Gütersloh, wo er sich eine Existenz aufbaute. Das Flugticket hat Ulf Lange aufbewahrt – und auch seinen längst ungültig gestempelten blauen Pass.

Schüsse aus dem Nichts

Bernd Müller war 17 Jahre jung und am 13. August 1961 als Beifahrer in einem der Lastwagen der elterlichen Firma nach West-Berlin unterwegs. Als eine von drei damals in Ostwestfalen angesiedelten sogenannten „Interzonen-Speditionen“ transportierte der Gütersloher Betrieb im Lauf der Jahre 25 Millionen Tonnen Waren nach Berlin, berichtet Müller heute noch mit Stolz. An jenem August-Sonntag vor 50 Jahren sollte die Ladung an der Heidestraße in Berlin gelöscht werden, in unmittelbarer Nähe des im Ostteil befindlichen Invalidenfriedhofs. Er war gerade bei der Arbeit, als Schüsse fielen und ihn und seine Kollegen in der nächsten Halle Schutz suchen ließen. Volkspolizisten zielten auf Flüchtende an der Friedhofsmauer. „Ich war fassungslos“, erinnert sich Müller. „Und froh, dass die Menschen es unverletzt zu uns schafften.“

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