Die letzten Tage von Westfalen uraufgeführt
 
Wortgefecht um „Die letzten Tage von Westfalen“: Gunnar Frietsch (links) gab den Optimisten, Andreas Ksienzyk spielte den Nörgler.
 

 Damit brechen sie an, „Die letzten Tage von Westfalen“. Am Sonntag erlebte die von Güterslohs Theaterchef Christian Schäfer arrangierte szenische Collage ihre Uraufführung auf der Studiobühne. Wie Gladiatoren wurden die Akteure in eine kleine Publikumsarena geschickt.

 Es ist ein intimes Kabinettstück, dieses „etwas andere Gedenken zum Ersten Weltkrieg“. Ein intelligent arrangiertes, aber trotzdem noch sperriges Kompendium aus Texten von Karl Kraus’ epochalem Meisterwerk „Die letzten Tage der Menschheit“ sowie Auszügen aus der Feldpost Gütersloher Kriegsteilnehmer und Tagebuchaufzeichnungen des Harsewinkelers Theodor Ellebracht. Die entlarvende Welt- und Weitsicht eines zeitlos-grandiosen Publizisten, Dramatikers und Satirikers trifft auf die Ängste der zum Kanonenfutter degradierten heimischen Soldaten. Das rückt den Schrecken näher, macht das Grauen persönlicher.

 Dazu liefert das Detmolder Ensemble Horizonte anfangs anklagende Molltöne auf Klarinette und Cello und steigert sich in dissonante, eigens komponierte Melodien, in denen nicht nur das nationaltümelnde „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ wie im Granatenhagel zerfetzt wird. Das ist der Rahmen, in dem sich der Optimist und der Nörgler ihr ebenso bitterbös-philosophisches wie sprachgewaltiges Rededuell liefern.

Gunnar Frietsch gibt den ersten aalglatt mit der Attitüde eines Staubsaugervertreters, der den Hurra-Patriotismus wie die Pomade im Haar mit sich herumträgt. Unter verbalem Dauerbeschuss bröckelt beides. Andreas Ksienzyk ist der grantige Besserwisser, der nicht ein Land der Dichter und Denker in den Krieg ziehen sieht, sondern ein Reich der Richter und Henker, die sich mit den Werten der zuerst genannten nur ihr Heim dekorieren.  Pausenlos wie Trommelfeuer prasseln die Ein- und Ansichten der Protagonisten gut 80 Minuten aufs Publikum. Nur ab und an unterbrochen von den spielenden Mädchen Vanessa Retke, Asya Taksin und Carla Fode, die am Ende als schwarz-weiß-rote Todesengel nicht nur die Leichen auf dem Feld, sondern auch ihre im Krieg verlorene kindliche Unschuld betrauern müssen.

Ein besonderes Lob gebührt den Tänzern Sophia Kumbartzky, Theresa Stüssel und Jana Weghorst von Danceair, die zur Choreographie von Viktoria Stroh den Wandel von der anfänglichen Kriegsbegeisterung bis zur kompletten Selbstzerstörung dokumentierten. Bliebe noch Christian Meusel. Er tanzte expressiv den „universal soldier“, Synonym für die Täter, die zu Opfern werden. Traumatisiert und erblindet bricht er am Ende zu Füßen des Publikums zusammen, während von der Hamburger Rockband „Kante“ das Lied „Ich hab’s gesehen“ dröhnt.  Da hätte es eines weiteren allzu plakativen Ausrufezeichens gar nicht mehr bedurft: Trotzdem ließ Schäfer am Ende die auf dem Boden aufgezeichneten Wege, die in den Krieg geführt hatten, geradlinig weitermalen – zum stilisierten Hakenkreuz.

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