ESG-Schüler verlassen ihre Komfortzone
Bild: Frielinghaus
Keine Angst vor Herausforderungen: Auch wenn (v. l.) Katharina Westmeyer, Laurenz Götz, David Embgen und Tom Heinrich bei den Debatten nicht immer ihre eigene Meinung vertreten, stellen sie sich dennoch selbstbewusst an das Rednerpult in der Aula des ESG.
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Einen Spickzettel benötigt sie nicht. Sie hat im Kopf, was sie sagen will.Vor einem Jahr haben die ESG-Schüler Tom Heinrich und David Embgen (beide 17 Jahre) den Stiftischen Debattierclub gegründet. Ihnen war aufgefallen, dass es an dem Gymnasium zwar viele Angebote für Schüler gibt, die an den sogenannten Mint-Fächern – also zum Beispiel an Naturwissenschaften – interessiert sind, es für die Fächer Kulturwissenschaften, Politik und Wirtschaft über den normalen Unterricht hinaus aber keine Angebote gibt.

Gesagt, getan. Aus einer fixen Idee der beiden Zwölftklässler wurde im November 2017 ein fester Bestandteil des Schulalltags. Mittlerweile gibt es nicht nur den Stiftischen Debattierclub für die Jahrgangsstufen sieben bis zwölf, sondern auch einen Juniorclub für Schüler der Klassen fünf und sechs.

Club ist unabhängig

Eine normale AG ist das stufenübergreifende Angebot nicht. „Wir sind komplett unabhängig“, erklärt Embgen. Die Finanzierung erfolgt über Sponsoren. Mit der Unterstützung von Bertelsmann und der Volksbank Bielefeld-Gütersloh konnte zum Beispiel ein Rednerpult angeschafft werden. An das treten die zwölf Mitglieder des Stiftischen Debattierclubs jeden Donnerstag in der siebten Stunde. Diskutiert wird immer über aktuelle Themen. Über die werde eine Woche vor dem nächsten Treffen abgestimmt. Zuletzt beschäftigten sich die Schüler etwa mit den Themen bedingungsloses Grundeinkommen und Antisemitismus im Deutsch-Rap.

Wer welche Position vertritt, wird ebenfalls im Vorfeld ausgelost. „So haben wir immer eine Woche Zeit, um uns vorzubereiten“, erklärt Heinrich. Das Prinzip, nachdem im ESG debattiert wird, lautet nämlich: Jeder muss jede Seite vertreten können – auch, wenn die nicht mit der eigenen Meinung übereinstimmt. Das bedeutet für die Schüler, dass sie regelmäßig aus ihrer Komfortzone ausbrechen müssen.

Katharina Westmeyer hat das bisher als spannende und bereichernde Erfahrung wahrgenommen. „Man wird offener gegenüber anderen Meinung“, sagt sie. Manchmal müsse man auch einsehen, dass man mit seiner Ansicht falsch gelegen habe, da die Fakten für die andere Position sprächen. Ganz nebenbei lernen die Schüler, frei zu reden, ihre Meinung zu vertreten und sich selbst zu präsentieren. Außerdem mache es Spaß, mal in eine andere Rolle zu schlüpfen, sind sich die Zwölftklässler einig. Denn trotz ernster Themen gebe es auch immer etwas zu lachen.

Respektvoller Umgang ist ein Muss

Es gibt klare Regeln, die bei den Debatten am Evangelisch Stiftischen Gymnasium eingehalten werden. Wer dazwischen quatscht oder reinbrüllt, wird vom Präsidenten verwarnt. „Kommt das mehrfach vor, kann er die betreffende Person von der Diskussion ausschließen“, erklärt David Embgen. Debattiert wird am ESG nämlich nach dem British Parliamentary Style. Ein Regelwerk, das einen respektvollen Umgang miteinander vorgibt.

Im Detail bedeutet das: Jeder bekommt seine eigene Redezeit. Beim Stiftischen Debattierclub sind das jeweils fünf Minuten – angefangen haben die Schüler vor einem Jahr mit drei Minuten. Auf die Rede eines Fürsprechers folgt die Rede eines Gegensprechers. Ein wöchentlich wechselnder Präsident achtet darauf, dass die Regeln und der Ablauf eingehalten werden. Vorbild, für diese Art zu debattieren, ist die Cambridge Union – der älteste und bekannteste Debattierclub der Welt, erklärt Embgen.

Außer ihren internen Diskussionen veranstaltet der Stiftische Debattierclub halbjährlich Podiumsdiskussionen. Die erste findet am morgigen Donnerstag ab 19 Uhr in der Aula des ESG, Feldstraße 13, statt. Das Thema der Veranstaltung lautet „Digitalisierung – Gewinner und Verlierer“. Als Redner haben die Schüler stadtbekannte Persönlichkeiten eingeladen – unter anderem den Bundestagsabgeordneten Roman Müller-Böhm (FDP), den Personalvorstand von Bertelsmann Dr. Immanuel Hermreck und Vorstandschef der Volksbank Bielefeld-Gütersloh Thomas Sterthoff. Der Eintritt ist frei.

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