Ein „Kiwi“ zu Gast in Gütersloh
Bild: Pieper
Anthony McCarten, neuseeländischer Erfolgsautor, stellte in Gütersloh seinen neuen Roman „Ganz normale Helden“ vor.
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Ansonsten ist der Buch- und Theater-Autor, Drehbuchschreiber und Regisseur ein Weltenbummler, der in Wellington ebenso zuhause ist wie in Los Angeles oder London. Ideen für den nächsten Roman findet er überall. Seine jüngste Erzählung „Ganz normale Helden“ hat er Freitagabend auf Einladung der Gütersloher Buchhandlung Markus im Evangelisch Stiftischen Gymnasium vorgestellt. Eine ebenso vergnügliche wie berührende Geschichte über die Sehnsucht nach Leben und Liebe, aufgezogen an einer Vater-Sohn-Beziehung. Der „Glocke“ gab er vorab ein Interview.

 

„Die Glocke“: Mr. McCarten, in Ihrem neuen Roman sucht ein Vater seinen abgetauchten Sohn via Internet. Sind Sie mit über 50 Jahren noch jung genug, um über die Online-Welt der Jugendlichen zu schreiben?

McCarten: Ha, und ob! Man muss wissen, dass das Durchschnittsalter der Internet-Nutzer bei 36 Jahren liegt. Nicht die Jugendlichen sind die „Nerds“ (Computerfreaks), sondern wir, die Älteren. Ich selbst bin begeisterter Google-Nutzer.

„Die Glocke“: Lesen Ihre Söhne, was Sie schreiben?

Anthony McCarten, geboren 1961 im Schatten des Vulkans Mount Taranaki im neuseeländischen New Plymouth, schrieb als 25-Jähriger mit seinem Freund Stephen Sinclair (einer der drei Drehbuchautoren der „Herr der Ringe“-Trilogie) die Komödie „Ladies Night“. Die Geschichte von vier Arbeitslosen, die aus Not eine Männerstripp-Gruppe gründen, gehört zu den größten Theaterhits der Neuzeit und wurde auch zum Kino-Kassenschlager. Seither brachte McCarten elf weitere Theaterstücke heraus, schrieb mehrere Drehbücher, darunter „Via Satellite“, das er selbst verfilmte, Gedichte, einen Kurzgeschichtenband und mehrere Romane. „The English Harem“, eine Tragikomödie über Liebe, Essen und Islam, sorgte im Nahen Osten für Furore. Die Verfilmung wurde vor allem in England bejubelt. McCarten wohnt abwechselnd im neuseeländischen Wellington, in Los Angeles und in London.

 

 „Die Glocke“: Sie wissen Trauriges gut mit Humor zu mischen und haben damit weltweit Erfolg.

 McCarten: Ich schreibe, wie das Leben ist – realistische Romane. Ich bin kein Comedy-Verfasser, aber der Humor gehört für mich zum Leben. Lachen ist ein universeller Instinkt, den ich nicht unterdrücken kann oder will. Wenn ich Humor einfließen lasse, schmälert das auch nicht den literarischen Anspruch, auch wenn das in Deutschland oft anders gesehen wird. Deutsche Autoren leiden darunter. Vor allem, wenn man bedenkt, dass britische Schriftsteller hier für ihren schwarzen Humor geliebt und trotzdem respektiert werden.

„Die Glocke“: Sie schreiben Bücher, arbeiten fürs Theater und für den Film. Was liegt Ihnen am meisten?

 McCarten: Die Abwechselung. Aber ich bin kein Fließbandproduzent. Es dauert, bis sich mein Kopf mit Gedanken füllt.

 „Die Glocke“: War es schwierig für Sie die Drehbuchversion von „Superhero“ zu verfassen?

 McCarten: Ja, weil man den Roman fürs Kino bis aufs Gerüst zerstört, um ihn neu aufzubauen.

„Die Glocke“: Haben Sie den Film, der bei uns unter dem Titel „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ läuft, schon gesehen?

McCarten: Ja, in Erlangen, einer meiner Stationen auf der 25-Städte-Lese-Tour. Er hat wie das Buch berührt. Viele kamen mit Tränen aus dem Kino.

„Die Glocke“: Sie pendeln zwischen Neuseeland, Europa und Amerika. Wo fühlen Sie sich zuhause?

McCarten: Dort wo Familie und Freunde sind. Für Neuseeländer, die ja alle irgendwie von Reisenden und Abenteurern abstammen, ist es normal, die Welt sehen zu wollen. Ich betrüge mein Land nicht, wenn ich außerhalb lebe.

 „Die Glocke“: Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen den „Kiwis“ und den Europäern?

 McCarten: Die Kultur der südpazifischen Völker – und dazu gehören die Maori -, stellt nicht den Einzelnen in den Mittelpunkt, sondern immer die Gemeinschaft. Ihr muss es gut gehen. Als wichtig wird erachtet, was man tut, nicht was man sagt. Ich bin mit diesen Werten aufgewachsen. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt Einzug in die bis dahin eher britisch geprägte, neuseeländische Gesellschaft gehalten. Das wirkt sehr befruchtend.

„Die Glocke“: Ärgert es Sie, dass außer

Sein Roman „Superhero“ (2006) machte Anthony McCarten zu einem weltbekannten Autor. Publikum und Kritik zeigten sich gleichermaßen begeistert von seiner Mischung aus Komödie und Tragödie. Die Geschichte eines krebskranken 14-Jährigen läuft unter dem Titel „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ seit dem 30. August in den deutschen Kinos. In Kooperation mit der Buchhandlung Markus zeigt das Gütersloher Programmkino Bambi den gefühlsstarken Film übers Erwachsenwerden, über das Wunder der ersten Liebe, über Angst, Mut und die Wichtigkeit von Freundschaft und Familie am 24. September im Rahmen der Reihe „Verfilmt“. Beginn: 20 Uhr.

Himalaya-Bezwinger Sir Edmund Hillary und Peter Jackson („Herr der Ringe“) kaum ein Neuseeländer in der alten Welt bekannt ist?

 McCarten: Und wie! Dabei haben wir so tolle: die Schriftstellerin Kathrin Mansfield oder den Atomphysiker Lord Rutherford. Außerdem, wir mögen ja global zu den Leichtgewichten gehören, aber politisch boxen wir ganz oben mit. Wir hatten als erstes Land das Frauenwahlrecht (1893) und haben uns früh zur atomwaffenfreien Zone (1985) erklärt.

 „Die Glocke“: Neuseeland ist Ehrengast  der Frankfurter Buchmesse (10. bis 14. Oktober). Auf was dürfen sich die Besucher freuen?

McCarten: (lacht) Natürlich auf den Haka (Kriegertanz) der Maori, auf Bungeejumping und Paragliding in den Hallen. Die Neuseeländer lieben alles, was gefährlich ist. Nein, Spaß beiseite. Es sind gut 60 neuseeländische Autoren da, die die Vielfalt der südpazifischen Denk- und Lebensweise aufschlüsseln werden. 

„Die Glocke“: Welchen Stellenwert hat die Literatur in Neuseeland?

McCarten: Es wird viel weniger gelesen als in Europa. Die Leute mögen zwar Romane, leihen sie sich aber lieber in der Bibliothek aus als sie zu kaufen. Eine 2000er-Auflage ist da schon etwas Großartiges. Nur leben kann man als Autor davon nicht.

 

McCarten:
Der Älteste (25) liest die Romane vorab. Die Jüngeren (15 und 12) interessiert meine Arbeit weniger.
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