Erstes Kind ins Babyfenster gelegt
Mia-Sophie auf dem Arm von Rita Venjakob: Das kleine Mädchen wurde am 1. Februar geboren und im Babyfenster der Gemeinde Heilige Familie abgelegt.

Am Sonntag vor einer Woche wurde zum ersten Mal ein Säugling in die Klappe gelegt und der Arbeitskreis Babyfenster informiert.

„Wir haben schon geschlafen“, erzählt Rita Venjakob. Sie gehört mit ihrem Mann Ernst und Pfarrer i .R. Christoph Eppelt zu den Gründern der Gruppe. Plötzlich sei sie gegen Mitternacht von einem Geräusch aufgewacht. „Das Notruf-Handy liegt immer im Flur. Der Ton hat mich geweckt“, erinnert sich die 74-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Mann setzte sich Rita Venjakob ins Auto und fuhr zum Gemeindehaus am Blankenhagener Weg.

„Natürlich waren wir aufgeregt. Ich habe richtig gezittert“, sagt Rita Venjakob eine Woche nachdem das elf Tage alte Mädchen von seiner Familie in die Obhut der Gemeinde gegeben wurde. Erst als das Ehepaar mit dem Auto vor dem schmalen Fenster stand, war klar: In dem kleinen Bettchen liegt wirklich ein Baby. „Ich habe die Einrichtung von innen geöffnet und das Kind, das in einem Babytragesitz lag, vorsichtig herausgenommen“, erzählt Ernst Venjakob.

Seine Frau fühlte an den kleinen Händen und im Gesicht, ob das Mädchen  womöglich ausgekühlt war. „Aber sie war sorgfältig gekleidet, trug sogar ein Mützchen.“ Auf einem handgeschriebenen Zettel war das Geburtsdatum des Babys notiert und der Vorname: Mia-Sophie, geboren am 1. Februar 2013.

„Wir haben die Kleine mit dem Sitz ins Auto gepackt, Pfarrer Christoph Eppelt verständigt und sind dann sofort zum St.-Elisabeth-Hospital gefahren.“ Rita Venjakob ist eine Woche nach dem Fund der kleinen Mia-Sophie fast aufgeregter als in der Nacht selbst. Im Krankenhaus sei das Kind untersucht worden. Ärzte und Hebamme stellten fest, dass das Mädchen gesund ist. „Wir sind dann jeden Tag ins Hospital gefahren, um das Baby in den Arm zu nehmen. So ein Kind braucht doch Körperkontakt“, sagt Rita Venjakob.

Auch Pfarrer Christoph Eppelt und die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe Babyfenster besuchten Mia-Sophie so oft wie möglich auf der Säuglingsstation. „Man mag sich gar nicht vorstellen, in welcher Situation eine Mutter ist, wenn sie ihren Säugling in einem Babyfenster ablegt“, sagt Ernst Venjakob und fügt dann hinzu: „Oder besser die Eltern. Es ist ja nicht die Mutter allein, die für ein Kind verantwortlich ist.“

Hintergrund

Nachdem der Arbeitskreis Babyfenster Mia-Sophie ins St.-Elisabeth-Hospital gebracht hat und das Kind dort medizinisch versorgt wurde, kümmern sich das Jugendamt und die Adoptionspflege des Kreises Gütersloh um das Wohl des Mädchens. „Das Kind ist jetzt in einer Familie untergebracht, die für acht Wochen eine Art Bereitschaftspflegestelle übernimmt“, erklärt Wolfgang Sieveking, Leiter des Fachbereichs Familie und Soziales. Anschließend werde aus der Bereitschaftspflegestelle eine Adoptionspflege. Nach einem Jahr könne das Kind in der Regel adoptiert werden, so Sieveking.

Für das Jugendamt sei das Vorgehen nichts Besonderes. So werde auch gehandelt, wenn eine Mutter ihr Kind zur Adoption freigebe. Sieveking betont, dass sich die Mutter oder die Eltern von Mia-Sophie völlig richtig verhalten hätten. „Sie haben entschieden, dass sie sich nicht selbst um das Baby kümmern können, und es deshalb in Obhut gegeben.“ Auch er betont, dass die Mutter bis zu acht Wochen nach dem Auffinden des Mädchens die Möglichkeit hat zu sagen, sie wolle das Baby annehmen.

„Niemand würde ihr einen Vorwurf machen.“ Sieveking weist auch darauf hin, wie wichtig es später für Mia-Sophie werden könne, zu wissen, wer ihre leiblichen Eltern sind. „Irgendwann fragen diese Kinder danach.“ Die Mutter habe also auch die Möglichkeit, sich nur namentlich beim Jugendamt registrieren zu lassen und trotzdem bei ihrer Entscheidung zu bleiben, nicht selbst für Mia-Sophie zu sorgen.

Stichwort

Der Arbeitskreis Babyfenster ist vor 13 Jahren auf Anregung von Pfarrer i. R. Christoph Eppelt gegründet worden. Bereits vor 30 Jahren war ein kleiner Junge in einer Apfelsinenkiste vor der Tür des Pfarrhauses der Gemeinde Heilige Familie in Blankenhagen abgelegt worden. Der Pfarrer wollte deshalb eine Einrichtung schaffen, in der verzweifelte Eltern, die keinen anderen Ausweg sehen, als ihr Kind in die Obhut anderer zu geben, Hilfe finden. Das Babyfenster am Blankenhagener Weg ist das einzige dieser Art im Kreis Gütersloh. Pfarrer Eppelt und seine sieben Mitstreiter hoffen jetzt, dass sich die Eltern von Mia-Sophie melden.

Die leibliche Mutter habe keine Strafe zu fürchten. Sie habe noch sieben Wochen Zeit, sich zu entscheiden, ihre Tochter doch noch anzunehmen. Die Mitglieder des Arbeitskreises sichern der betroffenen Familie Hilfe und Unterstützung zu. Arbeitskreis Babyfenster, Telefon 0170/8474668.

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