„Fast normal“ ist hier gar nichts
Großartig: Alice Hanimyan (vorn) als aufbegehrende Tochter in dem Musical „Fast normal“, mit dem das grippegeschädigte Ensemble der Hamburger Kammerspiele am Mittwoch im Theater Gütersloh begeisterte.

 Kein Disney-Flitter, kein Andrew-Lloyd-Webber-Glitter, sondern ein rockig-melancholisches Musical über Manie und Depression, über Trauer, Verlust und Verzweiflung, aber auch über Aufbruch und Hoffnung. Die Pille muss man erst mal schlucken.

Wie lässig-unterhaltsam und gleichzeitig berührend dieser Diskurs in die Untiefen einer bipolaren Störung sein kann, hat das gut aufgelegte, wenn auch grippegeschädigte Ensemble der Hamburger Kammerspiele am Mittwoch im Theater Gütersloh gezeigt. Es präsentierte spielfreudig seine 2016 entstandene Version des von Tom Kitt (Musik) und Brian Yorkey (Text) 2008 am Broadway uraufgeführten, pulitzerpreisgekrönten Bühnen-Sonderfalls.

 „Fast normal“ bricht eine Lanze für den ganz alltäglichen Wahnsinn, dem eine Familie zum Opfer fallen kann. Auch wenn von der Depression nur eine Person betroffen ist: im Sog dieser unberechenbaren Krankheit fällt das gesamte Kartenhaus vom gutbürgerlichen Vorstadtglück in sich zusammen. Regisseur Harald Weiler seziert mit ruhiger Hand in einem Bühnenraum (Lars Peter), der nur vier Stühle, einen Notenständer und ein großes durchgängiges Quadrat zu bieten hat – Spiegelbild innerer Leere.

 Bei den Goodmans ist der frühe Tod des Sohns im Kindbett der Auslöser jener bipolaren Störung, unter der Mutter Diana (stimmbandgeschädigt, aber souverän: Carolin Fortenbacher) leidet. 16 Jahre ist Gabe (dynamisch: Dennis Hupka) schon tot, doch sie sieht ihn weiterwachsen und lässt ihn zu ihrem ständigen Geister-Begleiter werden. Anfangs ist das irgendwie nur schräg, später wird daraus ein psychischer Parforceritt. Tom Goodman (so beflissen wie stoisch: Robin Brosch) versucht Diana zur helfen, drängt zum Loslassen, will aber eigentlich nur eins: seine Frau aus früheren, glücklichen Tagen zurück. Weshalb er auch in jede Therapie – vom Depressions-Chatroom über eine Massenpilleneinnahme bis hin zu zig Elektroschocks – einwilligt. Denn der Zweck heiligt ja bekanntlich die Mittel.

Und die pubertierende Tochter Natalie? Die buhlt vergeblich um elterliche Aufmerksamkeit und Liebe. Alice Hanimyan, die auch noch die Gesangspartien der indisponierten Carolin Fortenbacher übernahm, spielte beeindruckend die „Schwester aus Glas“ vom toten Superboy. Sie muss  nicht nur gegen dessen allgegenwärtigen Schatten, sondern auch gegen ihre eigene Unsichtbarkeit kämpfen, was sie erst als Streberin und dann mit Drogen probiert. Vergeblich, versteht sich. Erkenntnis ist mitunter eine bittere Medizin.

Jan Rogler spielt ihren flippigen, aber warmherzigen Freund Herny. Tim Grobe gibt den selbstgefälligen Arzt, der um seines Erfolgs willen Diana skrupellos zum Versuchskaninchen einer fragwürdigen Behandlung macht.

 Das alles packt die dreiköpfige Band um Pianist Mathias Weibrich in rockig-schnoddrige, sehnsuchtsvoll-jazzige und manchmal auch in klassische Töne. Ein Musical im Unplugged-Status. Auch das ist alles andere als normal - und wurde in Gütersloh mit großer Sympathie für alle trotz Grippe willensstark durchhaltenden Akteure beklatscht.

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