Feinarbeit an 3559 Orgelpfeifen
Bild: Steinecke
Bis August wird die St.-Pankratius-Kirche der Arbeitsort von Orgelbauer Matthias Wagner sein. Mit einem Kollegen ist er für die Intonation des frisch restaurierten Instruments zuständig.
Bild: Steinecke

Und jede einzelne müssen sie sich in den nächsten Wochen vornehmen.

Auf der Empore sieht es aus wie in einer Werkstatt. Die Orgelbauer haben Tische aufgebaut, an denen sie die Feinarbeiten an den Pfeifen vornehmen. Was sie dafür brauchen, liegt dutzendfach auf den Platten – Hobel, Hammer, Stemmeisen, unterschiedliche Sägen, Zangen, Schraubendreher sowie spezielle Werkzeuge wie die messingfarbenen Stimmhörner.

Hinter der Kreissäge, an der Jonas Ender (19) gerade ein Stück Holz für ein neues Geländer zuschneidet, stapeln sich knapp 20 große Holzpfeifen in drei Färbungen. „Die dunklen sind von 1930, die mittelbraunen aus den 50er-Jahren und die ganz hellen hier, das sind die neuen von uns“, sagt Matthias Wagner (49) und klopft auf die fast weißen Holzprodukte aus Weißtanne.

Einige Pfeifen sind noch von 1890

Die Pankratius-Orgel habe sogar noch einige Originalpfeifen aus dem Baujahr um 1890, betont der Orgelbauer und studierte Kirchenmusiker, der bei Rieger, einem der weltweit führenden Orgelbauunternehmen, die Restaurierungsabteilung leitet.

Den überwiegenden Teil der 3559 Pfeifen in St. Pankratius machen runde Metallpfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung aus. Etwa ein Drittel sind rechteckige Holzpfeifen. Die schwersten wiegen 120 Kilo. Die größte ist rund fünf Meter hoch, die kleinste misst lediglich einen Zentimeter.

Viele der alten Pfeifen haben die Fachleute in den vergangenen Monaten in Österreich restaurieren können. Knapp die Hälfte allerdings mussten sie neu anfertigen – ihre Vorgänger waren von Bleicarbonat befallen.

Millimeterarbeit an Luftschlitz und Fußöffnung

Ob neu oder alt: Wagner und Ender müssen bei jeder einzelnen Pfeife in Handarbeit Höhe und Lautstärke anpassen, um ihr einen stabilen Ton und ein harmonisches Einfügen in die anderen Pfeifen ihres jeweiligen Registers zu verleihen. Dazu feilen sie zum Beispiel in Millimeterschritten am Labium – dem Schlitz, durch den die Luft austritt –, oder klopfen das Fußloch, das spitz zulaufende offene untere Ende der Zinnpfeife, mit einem Messingkegel enger. „Das nennt man Kulpen“, erklärt Jonas Ender.

Orgelbauer sind von Neuseeland bis China unterwegs

Das 1845 gegründete Unternehmen Rieger im österreichischen Vorarlberg baut und pflegt Orgeln in vielen Ländern der Erde. Japan, Israel, Neuseeland, Südkorea, Südafrika – lediglich ein Auszug aus der Liste kürzlich abgeschlossener Aufträge des österreichischen Orgelbauers. Matthias Wagner ist gerade vom Tschaikowski-Konservatorium aus Moskau zurückgekommen.

Und wenn er den Gütersloher Auftrag abgeschlossen hat, steht China an – „ein sehr wichtiger Markt“. Wagners Abteilung restauriert zurzeit eine aus einer Kirche in Boston (USA) ausrangierte Orgel, die ein reicher Chinese gekauft hat und in einem Klaviermuseum auf einer Insel vor Xiamen aufbauen lassen wird. „Das wird die größte Orgel Chinas“, sagt Wagner. Erklingen wird sie allerdings computergesteuert – per Selbstspielsystem.

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Wie die Fachleute beim Stimmen vorgehen, lesen Sie in der „Glocke“ von Samstag, 16. Mai!

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