„Fidelio“: Beethoven als Frauenversteher
In einer eigenwilligen Inszenierung von Yona Kim war Beethovens einzige Oper „Fidelio“ im Theater Gütersloh zu sehen.

 Gefangen, verzweifelt, einsam und verlassen kann man auch im Privaten sein.

Die schon mehrfach ausgezeichnete Regisseurin und Librettistin Yona Kim hat Beethovens „Fidelio“ fürs Theater Osnabrück drastisch entkernt. Vom Komponisten als aufklärerische Befreiungsoper im Fahrwasser der Französischen Revolution erdacht, schwankt das Werk seit jeher – und je nach Inszenierung manchmal sehr bedenklich – zwischen theatraler Sinfonie und bürgerlichem Singspiel. Wenn frau dann noch fast alle erklärenden Rezitative und Texte streicht, die Arien collagenartig einfach aufeinanderprallen lässt, verkommt die Geschichte zur Nummernrevue, in diesem Fall zu einer feministisch angehauchten.

Genau das war am Donnerstag im Theater Gütersloh zu erleben. Susan Vent-Wunderlich gab die Leonore. Zur bekannten Ouvertüre sah man sie noch als abgewiesene, in Schweigen erstarrte Frau im Schlafzimmer sitzen. Kaum hatte sie sich als Mann Fidelio verkleidet, um ihren verhafteten Gatten aus dem Gefängnis zu befreien, entwickelte sie ihren dramatischen Sopran in ganzer Bandbreite. Dass sie das mit überdimensionierter Lautstärke tat, war dem Verständnis aber abträglich.

 Das galt leider auch für Roman Payer, der als blutbesudelter, gefolterter Florestan mit schön dunkel gefärbtem Tenor so kraft- und verheißungsvoll zu seiner zweiteiligen, hingebungsvollen Arie „Gott, welch Dunkel hier“ ansetzte, um dann mit und im orchestralem Getöse unterzugehen. Bei allem vorhandenen, von Beethoven in reichlich Noten gepackten Drang zur Freiheit – da hätte Dirigent Andreas Hotz in feineren Nuancen Stimmungen und auch Charaktere ausloten müssen, statt die Akteure immer wieder mit revolutionärem Pauschalton zu begleiten.

 Mit metallischem Bariton sang Rhys Jenkins den bösen Pizarro. Mit profundem Bass spielte José Gallisa den Kerkermeister. Glatt, in bester Politikermanier: Jan Friedrich Eggers. Daniel Wagners durchtriebener Jaquino entpuppt sich als Mann, der meint, sich aus Liebe alle Freiheiten herausnehmen zu können. Erika Simons als Marzellina wird sein Opfer.

Und Leonore? Die steht am Ende, wenn der präzise fungierende Chor sein Jubelfinale schmettert, isoliert da. Es sieht ganz so aus, als ob man(n) ihr den erfolgreichen Kampf um die Freiheit neidet. Beethoven als Frauenversteher.

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