Filmdreh auch ohne Emma Watson ein Erlebnis
Bild: Pieper
Zurück von den Dreharbeiten in München: Sigmund Bothmann ist sehr zufrieden mit der Leistung seines Knabenchors, der einen Auftritt in dem Film „Colonia Dignidad“ von Oscarpreisträger Florian Gallenberger hat. Der Streifen mit Michael Nyquist, Emma Watson und Daniel Brühl kommt im Oktober 2015 in die Kinos.
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Dafür hatten die jungen Sänger dort einen kurzen, aber durchaus beeindruckenden Auftritt mit Schwedens Filmstar Michael Nyquist („Wie im Himmel“, Millenium-Trilogie). Fazit der Jungs: „War supercool, können wir gern noch mal machen.“ Wie bereits berichtet, spielt Nyquist in dem Film „Colonia Dignidad“ vom oscargekrönten Regisseur Florian Gallenberger den Menschenfänger Paul Schäfer. Der pädophile Prediger und Nazi-Scherge hatte in den 60er-Jahren in Chile eine religös-fanatische Enklave deutscher Auswanderer – die „Kolonie der Würde“ – gegründet und sich zu deren Alleinherrscher aufgeschwungen. Psychoterror, Missbrauch und auch Folter waren an der Tagesordnung, nicht zuletzt, weil Schäfer seine Colonia der Militärjunta öffnete. Im Film wagt sich Emma Watson auf der Suche nach ihrem Freund, den Daniel Brühl spielt, in diese Hölle.

Ständchen für den Kolonie-Chef

Aber davon haben die Gütersloher Knaben am vergangenen Sonntag nichts mitbekommen. Ihre Aufgabe bestand darin, Michael Nyquist als Kolonie-Chef ein Ständchen zum Geburtstag zu bringen. Dass es ausgerechnet Stanfords „Der Herr ist mein Hirte“ und der Bach-Choral „Oh, Haupt voll Blut und Wunden“ sein mussten, unterstreicht nur die allgegenwärtige Perfidie in der „Colonia Dignidad“, die Gallenberger subtil vermitteln will.

„Bloß nicht in die Kamera sehen“

Beim Dreh wurde nicht live gesungen. Die Jungen hatten die beiden Lieder bereits im Vorfeld in einem Avenwedder Tonstudio aufgenommen und mussten „nur“ zum Playback den Mund bewegen. Die einzigen Regieanweisungen lauteten: „Zeigt Gefühl, atmet richtig aus und schaut bloß nicht in die Kamera!“ Auch die Maske hielt sich in Grenzen. Denn schon im Vorfeld hatten sich die Knaben einen für die 70er-Jahre passenden Haarschnitt machen lassen. Und weil sie „natürlich“ aussehen sollten, gab’s auch keine Schminke.

Keine Spur von Lampenfieber

Waren sie aufgeregt? „Nö“, sagt Kuno, und die anderen nicken zustimmend. „Bei einem Konzert ist man nervöser. Denn da muss alles gleich beim ersten Mal klappen. Beim Film kann man die Szene ja wiederholen.“ Doch die Jungen gaben sich wie immer konzentriert und professionell: Ihr Auftritt war schnell im Kasten und der Catering-Truck konnte gestürmt werden. Die drei Köche hatten eigens Spaghetti gemacht – „aber längst nicht genug für uns.“ Singen macht hungrig.

Alles perfekt organisiert

Wie es bei einer Fernsehshow zugeht, das wissen Chorleiter Sigmund Bothmann und seine Knaben, seit sie 2007 beim „Adventsfest der Volksmusik“ auftraten Doch ein Filmset ist etwas anderes: „Da ist alles perfekt bis hin zum Wasserträger organisiert“, lautet ihr übereinstimmendes Urteil. Gelegenheit, beispielsweise mit Michael Nyquist zu plaudern, bestand kaum. „Er konzentrierte sich auf seine Rolle und hielt sich eher abseits“, bedauert Bothmann. Immerhin: Mit Blick auf seine Rolle als Stardirigent in „Wie im Himmel“ verriet der Schwede seinem Gütersloher „Kollegen“, dass es eine seiner größten Herausforderungen gewesen sei, die Bruckner-Sinfonie in dem Film zu dirigieren.

Jetzt wird das Weihnachtsoratorium geprobt

Ob alle 24 Jungen, die in „Colonia Dignidad“ mitspielen, den im Oktober 2015 in die Kinos kommenden Film sehen dürfen, bleibt noch abzuwarten. Freigegeben wird er erst ab zwölf Jahren. Aber darüber macht sich der Knabenchor jetzt noch keine Gedanken. Denn es stehen die Proben fürs Weihnachtsoratorium am 29. November an. Selbst im Bus auf der Fahrt nach München wurde geprobt. Und Sigmund Bothmann hat noch einen anderen Termin im Kopf: Er wird in der kommenden Woche im peruanischen Lima ein Orgelkonzert geben.

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