Friesische Apokalypse als Lehrstück
Bild: Pieper
Im Schein des aschfahlen Vollmonds, der durch sturmzerfetzte Wolke schimmert, spielt die Neuinszenierung von Theodor Storms „Der Schimmelreiter“, die das Ensemble des Theaters Bremen am Wochenende im Theater Gütersloh umgeben von ölverschmierten Baumskeletten und einer am Plastikmüll erstickenden Meer- und Deichlandschaft präsentierte.
Bild: Pieper

Mit seiner im Norden bereits gefeierten Neuinszenierung von Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ hat sich das Ensemble des Theaters Bremen am Wochenende an der Dalke nachdrücklich als apokalyptischer Reiter empfohlen.

Es ist die gelungene Wiederauferstehung einer aus Schulzeiten eher als spröde und langatmig in Erinnerung gebliebenen Geschichte vom technisch begabten Bauernsohn Hauke Haien, der durch Heirat zum Deichgrafen aufsteigt. Taub gegenüber jeder Kritik versucht er selbstherrlich den von ihm erdachten, innovativen und für ihn durchaus gewinnbringenden Küstenschutz gegen den Willen seiner Nachbarn durchzusetzen.

Geschichte menschlicher Beweg- und Abgründe

Seine Idee wird ihm zum Wahn. Er vernachlässigt seine Familie, düpiert die skeptischen Dörfler und erkennt zu spät, dass sein Kampf nicht nur einer gegen die Natur ist, sondern vor allem einer gegen Konservatismus, Sozialneid, Missgunst und Aberglauben, aber auch gegen Machthunger, Eitelkeit und das eigene Scheitern. Da weitet sich die nordfriesische Gespenstergeschichte zum Spiegelbild menschlicher Beweg- und Abgründe, wird zum zeitlosen Klassiker der Weltliteratur.

Genau als solchen hat die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk den „Schimmelreiter“ inszeniert. Sie greift dafür auf John von Düffels wortgewaltige Storm-Bearbeitung fürs Hamburger Thalia Theater zurück, die – dank cleverer Kürzungen – das selbst verursachte Leid des Menschen in den Vordergrund stellt.

Aufgriff aktueller Umweltproblematik

Bühnenbildner Thomas Rupert hat ihr dafür eine Kulisse mit sturmzerfetzten Wolken und aschfahlem Vollmond, mit wie von einer Ölpest verschmierten Baumskeletten und einer am Plastikmüll erstickenden Meer- und Deichlandschaft geschaffen. Dass sich aus dieser, ganz bewusst an aktuelle Umweltproblematik angelehnte Totalvermüllung wie von Geisterhand – und dank Windmaschine – der Schimmel erhebt, gibt der Inszenierung trotz aller Tristesse noch etwas Poetisch-Hoffnungsvolles.

Mit sicherem Instinkt für solch publikumswirksame Ambivalenz, schickt Zandwijk auch ihre Protagonisten ins Rennen. Alexander Swoboda gibt den Deichgrafen als Mischung aus ambitioniertem Weltverbesserer und ekelhaftem Egomanen. Menschlich wirkt er nur, wenn er seine Zuneigung zur schwachsinnigen Tochter Wienke bekennt. Susanne Schrader spielt sie mit infantiler Eindringlichkeit und von Anfang an weißgewandet wie ein Todesengel.

Opfer oder Mahnmal?

Nadine Geyersbach ist Elke Volkerts, die vernachlässigte Ehefrau, die weder ihren Intellekt noch ihre Liebe ausleben darf und am Ende am lang gewünschten Kind zerbricht. Denn eine behinderte Tochter kann kein Gottesgeschenk sein. Seelenbilder von Zerrissenen, die die niederländische Musikerin Maartje Teussink mal mit traurigen Gitarrenklängen und Gesängen, mal mit klagender Klarinette und Kontrabass in Moll untermalt. Martin Baum ist der geltungsgeile Neider Ole Peters, der vom sozialen Aufstieg träumt und der sich dafür jeder nur möglichen populistischen Parole bedient, um Unterstützer zu finden. Kein Schelm, wer da an Polit-Hetzer der Gegenwart denkt. Stephanie Schadeweg mimt seine gehässige Verlobte Vollina.

Guido Gallmann spielt den typischen Mitläufer, mal hingerissen vom Neuen, mal gefangen im immer schon Dagewesenen. Bastian Hagen als Carsten und Gabriele Möller-Lukasz als Trien Jans sind die Spökenkieker, die Böses ahnen und am Ende Recht behalten sollen. Denn als die Sturmflut kommt, bricht der Deich. Die Fluten reißen den Deichgrafen und seine Familie mit sich. Opfer eigener Überheblichkeit oder Mahnmal für alle Überlebenden, darüber nachzudenken, was hätte vermieden werden können, wenn man fern von allen Eitelkeiten um der Sache willen aufeinander zugegangen wäre? Theater als brandaktuelles Lehrstück. Auch dafür gab es viel Applaus.

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