Gütersloh zwischen Kaff und Kosmos
Bild: Steinecke
Luftikus: In atemberaubender Höhe machten die Akteure der Berliner Truppe Grotest Maru den Wasserturm zur Bühne für Gütersloher Geschichten.
Bild: Steinecke

 Basis für die am Pfingstsonntag zwischen Schultheater und Spektakel angelegte Inszenierung auf dem Theatervorplatz war Güterslohs Existenzfrage schlechthin: Kaff oder Kosmos?

Überraschungen waren im Vorfeld versprochen worden. Die erste folgte prompt: Zum geplanten Programmstart um 21 Uhr hatte sich die gewünschte und für die geplanten Beamer-Projektionen auf der Theateraußenwand notwendige Dunkelheit noch nicht eingestellt. „Steht das denn nicht im Kalender, wann es dunkel wird?“, bemerkte eine Zuschauerin süffisant. Mit reichlich Verspätung, die die Schülerband Tax Return mit rockigen Klängen zu verkürzen versuchte, ging es endlich los. Rund 300 Gäste verfolgten, was sich auf der kleinen Bühne vor der Stadthalle tat. Sie wurde zum Podium für den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV, der zur Einweihung des Evangelisch-Stiftischen Gymnasiums gekommen war, und für Pastor Volkening, von Posaunenklängen umrahmte Triebfeder der Erweckungsbewegung. Allerdings: Die beiden hatte man schon beim Platzwechsel an der Kirchstraße kennengelernt.

 Der Queen-Besuch dagegen war neu. Gütersloh sei ja so „exciting“ hauchte Madam charmant, als sie dem weißen Rolls entstieg. Die Dalkestadt hat eben doch mehr zu bieten, als sie auf den ersten Blick verrät. Schließlich ist sie die Keimzelle weltweiter Erfolgsgeschichten – für Waschmaschinen (Miele), Möbel (Flötotto) und natürlich Bücher (Bertelsmann). Alles zu sehen in Videos auf der Theaterwand, die Bernhard Wöstheinrich mit atmosphärischen Klangteppichen an Keyboard und Syntheziser untermalte. Derweil kletterte in atemberaubender Höhe am Wasserturm die Berliner Theatergruppe Grotest Maru für weitere Gütersloher Geschichtshäppchen  herum. Mehr davon hätte dem Abend gut getan.

Zwei Meteoriteneinschläge haben Güterslohs Annalen zu verzeichnen, was die Akteure des Bielefelder Theaterlabors veranlasste, ihre alte Rakete aus der früher schon mal aufgeführten Jules-Verne-Inszenierung wieder flott zu machen und zur funkensprühenden Abwehr einzusetzen. Den Funken überspringen ließen dafür zwei prominente Gütersloher: Helga und Gerd Weissenberg, Tanz-Europameister und Bronzemedaillen-Gewinner bei den Weltmeisterschaften 1974/75 und 76, plauderten über ihre Vergangenheit, die Treue der heimischen Fans und legten noch einmal eine kesse Sohle aufs Parkett. Dafür gab es viel Applaus, denn der ein oder andere war nur gekommen, um die ehemaligen Tanzstars noch einmal zu sehen. So wie Hartmut Rudorff. Der 80-Jährige tanzt seit 50 Jahren. Den Rhythmus hat er immer noch im Blut: „Beim Tanztee applaudieren die Gäste – das hat man nicht mehr so oft.“

Wie Gütersloh berühmtester Sohn - der Komponist Hans Werner Henze - in dieses Spektakel eingebunden wurde und was es mit dem Seenotrettungskreuzer auf sich hat, der längsseits des Theaters angeschippert kam, lesen Sie in der Gütersloher „Glocke“ vom 21. Mai.

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