Hauch von Bayreuth zieht durch Gütersloh
Bild: Pieper
Star des Abends: Sopranistin Katrin Kapplusch überzeugte vor allem mit ihrer von unerfüllter Sehnsucht getriebenen Isolde.
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Rund 600 Musikfreunde pilgerten zum grünen Hügelchen, das da an der Dalke – einschließlich entschlossen dreinblickendem Schwan auf der Empore – mit Liebe zum Detail aufgeworfen worden war. „Nicht grübeln und diskutieren, einfach genießen,“ nahm Veranstalter Ulrich Bongartz von Concerteam – stilecht in Gehrock, violetter Schleife und mit Wagner-Tolle – gleich jeder möglichen Debatte über die polarisierende Figur des egomanischen und antisemitischen Komponisten den Wind aus den Segeln.

Einzigartige Musik-Geschichte

Dass der Mann eine „unverantwortliche Belastung und Herausforderung für die Mitwelt ist“, hat schon dessen Bewunderer Thomas Mann attestiert. Dass Wagner mit seiner einzigartigen Musik Geschichte geschrieben hat, macht ihn nichtsdestotrotz zum Objekt interpretatorischer Begierden. Gerade anlässlich seines 200. Geburtstags. Deshalb hat sich Bertelsmann-Manager Bongartz als Privatier – nach Rock und Swing-Events – für sein mittlerweile drittes „Gütersloh-Music-Nights“-Benefizkonzert auch an den Klassik-Veteranen heranwagt. Der Erlös der Veranstaltung kommt unter anderem dem Kinderhospiz in Bielefeld zugute.

Wuchtig und ungestüm

Mit dem Vorspiel zum „Fliegenden Holländer“ servierte die Nordwestdeutsche Philharmonie eingangs erwartungsgemäß den wuchtigen, ungestümen Wagner. Mit weitausholender Gestik beschwor Dirigent Dirk Kaftan die Naturgewalten über den verfluchten, auf Liebe hoffenden Kapumsegler herauf. Wieland Sattler gab mit sonorem Bass-Bariton, ohne Manierismen, aber mit kontrolliertem Dröhnen den gebrochenen Holländer. Dann schwebte er auch schon heran, der edle Lohengrin, Inbegriff deutscher Opernromantik. Ätherische Violinenklänge aus dem Vorspiel wollten in die übernatürliche Atmosphäre des Schwanenritter-Märchens entführen. Doch der Bayreuther Höhenflug wurde von der rauschenden Lüftungsanlage der Gütersloher Stadthalle schnell geerdet. Während dem holländischen Tenor Marcel Reijans in der musikalisch impressionistisch angelegten Brautgemach-Szene die Stimme versagte, wusste er sich in der Gralserzählung, dem Hohelied eines jeden Wagner-Sängers, mit schlanker Stimme immerhin zu behaupten.

Katrin Kapplusch Star des Abends

Die kurzfristig für die erkrankte Anna Gabler eingesprungene Sopranistin Katrin Kapplusch erwies sich am Samstag als der Star des Abends. Sauber und hinreißend in der emotionalen Entwicklung, gab sie die Elsa. Elegisch-zart war ihre von unerfüllbarer Sehnsucht getriebene Isolde. Wann hätte es in Gütersloh schon solch einen schwärmerisch-orgiastischen Liebestod auf der Bühne gegeben? Damit und natürlich mit dem kühn-komplizierten Opern-Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ – samt des legendären, vierstimmigen Tristan-Akkords – war das Programm wirklich bei Wagner angekommen.

Walkürenritt zum Kehraus

Als Satyrspiel nehmen „Die Meistersinger von Nürnberg“ eine Ausnahmestellung in Wagners Œuvre ein. Eine komische Oper, die die Freiheit der Kunst preist – und von den Nazis als deutschtümelndes Denkmal missbraucht wurde. Kaftan und seine Philharmoniker wussten sich mit meisterhaftem Spiel jeglicher Reichsparteitag-Tonart zu entziehen. Wieland Sattler gab einen heiter gelassenen, aber voluminösen Schuster-Dichter Hans Sachs. Was wäre solch eine Gala ohne Walküre? Nur halb so schön. Als Zwillingspaar Sieglinde und Siegmund aus dem wohl populärsten „Ring“-Werk, offenbarten Kapplusch und Reijens, behutsam und liedhaft grundiert, den lyrischen Wagner, ehe die Nordwestdeutsche Philharmonie mit dem „Walkürenritt“ den unvermeidlichen Kehraus lieferten. Es gab viel Applaus – für die Akteure und den engagierten Veranstalter. Privatinitiativen wie diese kann Gütersloh gut gebrauchen. Was beim anschließenden Empfang für geladene Gäste im Parkhotel ausführlich diskutiert wurde.

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