Henzes „Elegie für junge Liebende“
 
Wer in den Dunstkreis des Dichters (Andreas Jören). gerät, geht unter. Szene aus der Detmolder Neufassung der  Henze-Oper „Elegie für junge Liebende“, die am Wochenende in Gütersloh Premiere feierte.
 

Dafür lässt er sich feiern – wohlwissend, dass zwei wahrhaft Liebende seinetwegen in den Bergen gestorben sind.

Am Samstag hatte die gleichnamige Oper von Hans Werner Henze im Theater seiner Geburtsstadt Gütersloh Premiere. Die Inszenierung des Landestheaters Detmold wurde zu einem vollen und umjubelten Erfolg. 50 Jahre alt ist das Werk, das 1961 bei den Schwetziger Festspielen uraufgeführt wurde – ein Klassiker der Moderne. Denn Henze hat das Dichtergenie des 20. Jahrhunderts, frei von jeder Moral und Ethik, zu seinem Thema gemacht. Die untheatralische Geschichte von der Entstehung eines Gedichts hat Regisseur Kay Metzger vielschichtig dramatisch und poetisch-verspielt auf die Bühne gebracht. Die starken Bilder dazu liefert Michael Heinrich mit seinem Bühnenbild und den Kostümen, die dem Inhalt und der Stimmung exzellent entsprechen.

Tipp: Die „Elegie für junge Liebende“ wird am Freitag, 5. Mai, im Landestheater Detmold Premiere haben. Weitere Aufführungen dort sind für den 11. Mai und den 9. Juni, jeweils ab 19.30 Uhr geplant. Zudem werden die Landesbühnentage am 15. Oktober in Wolfsburg mit der Henze-Oper eröffnet.
Die Handlung führt in den Berggasthof „Schwarzer Adler“. Dort wartet die irrsinnige Hilda Mack seit 40 Jahren vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes. Ihre Visionen nutzt der Dichter Gregor Mittenhofer schamlos als Anregungen. Plötzlich verfärbt sich der Himmel blutrot: Macks Mann kehrt als Gletscherleiche zurück und sie in die Wirklichkeit. Womit Mittenhofer seine erste Muse verloren hat. Und auch die zweite, die junge Elisabeth, die sich in seinen Patensohn Toni verliebt hat, opfert er: Vom skrupellosen Dichter für seine Kunst instrumentalisiert, stirbt das Paar bei dem Versuch, ein Edelweiß für Mittenhofer zu holen, im Schneesturm am Hammerhorn.

Der Himmel färbt sich blutrot über dem unheilvoll aufragenden Berg. Die den einzelnen Figuren zugedachten Instrumente schweigen für einige Momente. Dieses Ende des zweiten Akts gehört zu den bewegendsten Augenblicken der Inszenierung. Mittenhofer hat sich alle untergeordnet und auch sein Todeskomplott geht auf. Unerschütterlich schrill erklingen für ihn Horn, Trompete und Posaune. Und während der Dichter seine „Elegie für junge Liebende“ vorträgt, erscheinen hinter einem Vorhang alle anderen wie aus einer anderen Welt.

Starke Ensembleleistung

Herausragend war die homogene, starke Ensembleleistung. Großes Lob verdienen die intensive Bühnenpräsenz und Wandlungsfähigkeit der Stimmen. Ihre mit Wahnsinns-Koloraturen gespickte Partie meisterte Kirsten Labonte als Hilda Mack bravourös. Seiner Rolle als eitler, diabolischer Mittenhofer wurde Andreas Jören (Bariton) mehr als gerecht. Und auch Katharina von Bülow (Sopran) als Gräfin von Kirchstetten sowie Michael Zehe (Bass) als Dr. Reischmann überzeugten durchweg. Absolut authentisch gaben sich Tenor Stephen Chambers als jugendlicher Toni und Sopranistin Eva Bernard als verliebte Elisabeth.

Generalmusikdirektor Lutz Rademacher dirigierte sowohl mit einnehmender Leidenschaft als auch mit großer Hingabe. Und er bewältigte die Wahnsinnsaufgabe, jene von Henze geforderte kammermusikalische, solistische Leistung aus dem 24-köpfigen Orchester herauszuholen. Atemlos verfolgte der aufmerksame Besucher daher nicht nur das Geschehen auf der Bühne. Nein, voller Bewunderung lauschten die nach der Pause mutig Dagebliebenen, wie Henzes klangfarbenreiches, alles andere als ohrenschmeichelndes Werk im dritten Akt auseinanderzufallen schien. Wie die Musik in durchsichtigen Farben dahinschwebte und sich in orchestralen Stürmen aufbäumte. Beeindruckend und beklemmend zugleich. Das Publikum in Gütersloh sparte nicht mit Applaus.

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