„Ich muss ein heißgeliebtes Kind loslassen“
Bild: Pieper
Verabschiedet sich nach 30 Jahren vom Städtischen Musikverein Gütersloh: Professor Karl-Heinz Bloemeke.
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Nach 30 Klang-vollen Jahren legt er die Leitung des Städtischen Musikvereins Gütersloh in jüngere Dirigenten-Hände. Zum Abschied führt er am Sonntag, 26. November, ab 18 Uhr mit dem Musikverein und der Nordwestdeutschen Philharmonie und dem befreundeten Coro Sinfonico aus dem spanischen Rioja noch einmal das Verdi-Requiem in der Bielefelder Oetkerhalle auf. Der „Glocke“ gab er vorab ein Interview.

 „Die Glocke“: Herr Bloemeke wie schwer fällt Ihnen der Abschied?

Bloemeke: Sehr schwer. Ich muss ein wirklich heiß geliebtes Kind loslassen.

„Die Glocke“: Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit dem Musikverein erinnern?

 Bloemeke: Ja, ich habe 1985 Haydns „Schöpfung“ vom Chor gehört und war sofort von der Kraft, von der Wahrheit und der stimmlichen Potenz, die mir da entgegenschlug, fasziniert. So viel Herzblut kannte ich bis dato nur aus der Oper. Das und das Gefühl, dass ich mir mit diesen „undoktrinären“ Sängern einen langgehegten Wunsch würde erfüllen können, die Matthäus-Passion, gaben den Ausschlag, die Position des Chorleiters anzunehmen.

 „Die Glocke“: Als Nachfolger von Matthias Büchel traten Sie ein schweres Erbe an.

Bloemeke: Büchel hat eine unglaubliche Arbeit geleistet. Ich war nie ein Chorleiter wie er. Ich habe nie versucht, Verständnis für die Werke über die Töne zu wecken, sondern immer über die Bedeutung des Textes und die Emotionen, die darin stecken. Natürlich war Büchels Schatten übermächtig. Also musste ich argumentieren, dass nicht eine, auch nicht Büchels Schallplattenaufnahme von anno sowieso von einem Werk maßgeblich ist, sondern das, was der Komponist gedacht und gewollt hat.

 „Die Glocke“: Sie haben nicht nur mit Honeggers „Heiliger Johanna auf dem Scheiterhaufen“ und Brittens „War Requiem“ das Repertoire des Musikvereins in Richtung Moderne erweitert. War das ein schwerer Weg?

Bloemeke: Manchmal musste eine gewisse Skepsis überwunden werden. Die gut ausgebildeten, älteren Sänger prallten bei Neuem schon mal vor Mauern. Auch da habe ich inhaltlich argumentiert. Und am Ende haben alle das Wunderbare der Musik verstanden und mitgemacht. „

Die Glocke“: Welche Momente sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

 Bloemeke: Honeggers „Johanna“, die wir 2007 auch in Salzburg vorgestellt haben, war sicherlich ein Höhepunkt. Das war ein ganz tiefes Erleben. Ich erinnere mich auch gern an ein A-cappella-Programm, das wir in Marienmünster aufführten, an den Tango-Abend in der Gütersloher Martin-Luther-Kirche, weil er so anders war, oder an das Brahms-Requiem 2003, in dessen Mitte wir Schönbergs „Überlebenden von Warschau“ einbetteten. Das war gewagt, gegen den Strich gebürstet.

„Die Glocke“: Und für Sie ganz persönlich?

Bloemeke: Mendelssohns „Ehret seine Engel“ ist mir in Erinnerung. Als der Chor das kurz nach dem Tod meiner Mutter sang, ging mir das richtig unter die Haut.

„Die Glocke“: Hat Sie die Arbeit mit dem Musikverein verändert?

Bloemeke: Ich bin ein Überzeugungstäter. Die freundschaftliche Offenheit der Sänger hat mir geholfen, mein Ziel, Menschen für Musik zu begeistern, zu erreichen. Und ich habe gelernt, zu disponieren, was mir bei meiner Lehrtätigkeit zugute kam.

„Die Glocke“: Gibt es etwas, das Sie bedauern?

Bloemeke: Nein, ich habe alles mit dem Musikverein erreicht. Von Bach bis Beethoven, von Bruckner bis Ellington, von Händel bis Mozart, von Puccini bis Strauss, wir haben viel gemacht, außer Mahlers „Sinfonie der 1000“. Dafür haben wir mehrfach die „Camina Burana“ aufgeführt. Da standen auch mehr als 200 Stimmen auf der Bühne. 30 Jahre lang zwei große Aufführungen pro Jahr zu stemmen plus Sonderprojekte – das ist eine gute Bilanz, oder?

Was Professor Bloemeke über seinen Nachfolger, den Paderborner Domkapellmeister Thomas Berning, und was er über seinen eigenen „Unruhestand“ verrät, lesen Sie in der Gütersloher „Glocke“ vom 22. November.

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