Im Gespräch mit John Neumeier
Bild: Badekow
John Neumeier ist der dienstälteste Ballettchef der Welt - und schafft mit seinem Hamburg Ballett nach wie vor wegweisende Choreographien.
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„Die Glocke“: Herr Neumeier, Sie kommen mit dem bereits 1977 uraufgeführten „Sommernachtstraum“ nach Gütersloh, was macht die Inszenierung in Zeiten modernen Tanztheaters noch attraktiv? 

Neuermeier: Der „Sommernachtstraum“  ist modern. Er ist ein erster Versuch, neue Strukturen in ein abendfüllendes Ballett zu bringen, wie es im 19. Jahrhundert zementiert worden war. Die Geschichte wird auf drei Ebenen erzählt mit einer jeweils eigenständigen Musik, nämlich der von Mendelssohn für die Adelswelt, von Ligeti für die Feenwelt und Drehorgel-Klängen für die Handwerker. Das war 1977 schockierend.

„Die Glocke“: Schockieren Sie Ihr Publikum gern?

 Neumeier: Nicht bewusst, aber ich versuche immer neue Welten zu erschaffen. Es kann doch nicht sein, dass eine klassische Partitur immer nur in einem pas de deux endet.

„Die Glocke“: Sie gelten als dienstältester Ballettchef der Welt. Macht Sie das wehmütig?

Neumeier: Das Gefühl ist different. Man schaut von außen auf die Jahreszahl und staunt. Aber von innen sehe ich, dass ich noch sehr kreativ mit meinen Tänzern arbeiten kann. Ich stehe immer wieder in einem anderen Gedanken-Fluss mit ihnen, weil sich das Team immer wieder ändert. Aufhören werde ich erst, wenn mir keiner mehr zuhören will.

John Neumeier wurde 1942 im amerikanischen Milwaukee geboren. Ersten Ballettunterricht erhielt er in seiner Heimatstadt. Danach folgten Lehrjahre in Kopenhagen und an der Royal Ballet School in London. Die  Primaballerina Marcia Haydee holte ihn 1963 zum Stuttgarter Ballett, wo er zum Solist und Choreograph aufstieg. Von 1969 bis 1973 war John Neuemeier Ballttdirektor in Frankfurt/Main. Dann holte ihn August Everding nach Hamburg. Seitdem ist Direktor und Chefchoreograph des Hamburg Ballett, seit 1996 auch Ballettintendant und Direktor der von ihm gegründeten Ballettschule.

„Die Glocke“: Hat man als Tänzer mehr Angst vor einem alternden Körper als ein normaler Mensch?

Neumeier: Ich kann nur für mich sprechen. Ich spüre das Älterwerden, aber das ist nicht schlimm. Ich habe einen sehr flexiblen Körper, bewege mich viel und mache immer noch alle Dinge vor, die das Ensemble tanzen soll, auch wenn das bei mir sicher manchmal absurder aussieht, als wenn es ein 20-Jähriger tanzt.

„Die Glocke“: Ihr Vertrag in Hamburg läuft bis 2015. Werden Sie dann Rentner?

Neumeier: Ich liebe es zu arbeiten. Allerdings ist mir ist auch klar, dass mehr als 40 Jahre Ballettdirektion eine Last, wenn auch eine sehr schöne, sind. Ich könnte mir daher gut vorstellen, freischaffend zu arbeiten.

„Die Glocke“: Gibt es ein Werk, dass Sie immer schon einmal gern choreographiert hätten?

Neumeier: Andersherum: Es gibt Werke, die ich nicht inszenieren will. Wagners „Ring der Nibelungen“ zum Beispiel. Ich kann nur Stücke erarbeiten, die auch in mir sind.

„Die Glocke“: Das heißt?

Neumeier: Wenn man etwas choreographiert und inszeniert, leuchtet man damit auch immer eine Ecke von sich selbst aus. Ist da kein Widerhall, sollte man es lassen. Nur so liefert man etwas Ehrliches ab.

Was John Neumeier über seine aktuellen Ballettprojekte in Hamburg verrät, über sein Privatleben und auch über Details zum „Sommernachtstraum“ lesen Sie in der Mittwochsausgabe der Gütersloher „Glocke“.

 

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