Integrationskosten auf Firmen umlegen
Foto: Bojak
Wohnhaus für Werkvertragsarbeiter: Die Stadt Gütersloh will zusätzliche Integrationsmaßnahmen für Menschen aus Südosteuropa anbieten. An den Kosten sollen sich die Unternehmen beteiligen, bei denen die Arbeiter beschäftigt sind.
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Dabei geht es nicht nur darum, die deutsche Sprache zu erlernen. Das sei eine grundlegende Voraussetzung zur Integration, heißt es in der Vorlage. In Integrationskursen müssten aber auch Kenntnisse der Kultur und Geschichte Deutschlands vermittelt werden, vor allem Werte des demokratischen Staatswesens Deutschlands und der Rechtsstaatlichkeit, der Gleichberechtigung, der Toleranz und der Religionsfreiheit. Die Kurse müssten nach Möglichkeit in Räumen der Betriebe und in Abstimmung mit den Arbeitszeiten erteilt werden. Nur so würden die Beschäftigten, die oft in unterschiedlichen Schichten arbeiteten, das Angebot auch wahrnehmen. Pro Sprachkurs entstünden so Kosten in Höhe von rund 325 beziehungsweise 650 Euro – je nach Niveau.

Einsatz von Dolmetschern

Eine weitere Maßnahme zur Förderung der Integration ist nach Ansicht der Verwaltung der verstärkte Einsatz von Dolmetschern. Sie könnten die Migranten unterstützen, wenn zum Beispiel Gespräche in Beratungsstellen oder bei Behörden anstünden. Aber auch bei der Kommunikation mit Schulen und Kindertageseinrichtungen sei ein Dolmetscher erforderlich, wenn die Sprachkenntnisse der Eltern nicht ausreichten. Die voraussichtlichen Kosten für einen Dolmetscherpool beziffert die Verwaltung mit rund 70 000 Euro.

Kinder von Migranten besser fördern

Im Bereich Bildung seien vor allem die Kinder der zugezogenen Migranten besser zu fördern, erläutert Matthes in der Vorlage. Die Anzahl von Kindern aus Polen, Bulgarien und Rumänien habe sich von 2012 bis 2019 verdoppelt. Viele von ihnen hätten kaum eine Möglichkeit gehabt, sich auf die gravierende Veränderung ihrer Lebenssituation einzustellen. Sie hätten Verwandte und Freunde zurückgelassen und seien aus bekannten Strukturen und ihrer gewohnten Lebensumgebung herausgerissen worden. Um überhaupt an eine Fortsetzung ihrer Bildungsbiografie denken zu können, sei es zunächst unerlässlich, ihre Probleme zu erkennen und zu lösen. Dazu seien zusätzliche Schulsozialarbeiter notwendig. Vor allem an den weiterführenden Schulen sei der Bedarf noch nicht gedeckt.

Fördertopf für Projektarbeit

In den Grundschulen sei die Ausstattung dagegen – auch durch freiwillige Leistungen der Stadt – deutlich besser, erläutert Henning Matthes. Eine Erweiterung der Schulsozialarbeit an weiterführenden Schulen um 2,5 Stellen sei notwendig. Die Kosten dafür lägen bei 235 000 Euro pro Jahr. Zudem soll ein Fördertopf für Projektarbeit mit 100 000 Euro ausgestattet werden. Davon könnten zum Beispiel Projekte zur unterrichtsergänzenden Sprach- und Lernförderung finanziert werden, aber auch zur allgemeinen Integration und Persönlichkeitsentwicklung. Um Kindern von Familien aus Südosteuropa die Teilnahme am Offenen Ganztag zu ermöglichen, seien weitere 120 000 Euro notwendig.

Zwei zusätzliche Beraterstellen

Aber nicht nur an Schulen sollen zusätzliche Unterstützungsleistungen angeboten werden. Für die Migranten soll eine allgemeine, kostenlose und qualifizierte Beratung gesichert werden. Zwei Stellen sollen dafür neu eingerichtet werden, eine bei einem freien Träger, eine bei der Stadtverwaltung. Kostenpunkt: rund 94 000 Euro pro Jahr und Stelle.

Arbeits- und Mietverträge entkoppeln

Die Stadt will die Unternehmen aber nicht nur an Kosten für Integrationsmaßnahmen beteiligen. Wie bereits mehrfach angekündigt, sollen auch Mindeststandards für die Unterbringung der Arbeiter vereinbart werden. Dabei geht es nicht nur um Größe und Ausstattung der Wohnungen, sondern auch darum, Arbeits- und Mietverträge zu entkoppeln. Bisher ziehe der Verlust des Arbeitsplatzes oft den Verlust der Wohnberechtigung nach sich, so Matthes. Die Vereinbarung über die Wohnraumstandards sollen zudem eine Verpflichtung für die Unternehmen enthalten, mit Subunternehmern gleichlautende Vereinbarungen zu treffen.

Verantwortung der Unternehmen

Der Zuzug der Migranten aus Südosteuropa stehe in direktem Zusammenhang mit der Nachfrage nach Werkarbeitnehmern bei den im Kreis ansässigen Unternehmen. „Damit liegt es in erheblichem Maße in der Verantwortung der Unternehmen, die durch dieses System ausgelösten und beschriebenen Herausforderungen zu bewältigen“, heißt es in der Vorlage. Die Stadt habe bereits umfänglich investiert. Zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen sollten ausschließlich auf Grundlage der Finanzbeteiligung von Firmen realisiert werden. Über den Vorschlag der Verwaltung stimmt die Politik am Donnerstag, 27. August, im Sozialausschuss ab (17 Uhr, Stadthalle).

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