K.O. für den schönen Wahn vom Schwan
„Schwanensee“ auf Afrikanisch. Die Dance Factory aus Johannesburg punktete im Theater Gütersloh mit ihrer unorthodoxen Neuinszenierung.

 „Schwanensee“ auf Afrikanisch. Ein Ballett-Klassiker wird gegen den Strich gebürstet – mit Witz und Esprit. Und bei allem Mut zum Unerhörtem bleibt doch der Respekt für das Wesentliche.

Die Irritation des Publikums im Theater Gütersloh war beim Gastspiel der Dance Factory aus Johannesburg am Wochenende anfangs deutlich spürbar. Und das lag nicht nur an den karnevalesk anmutenden Herren im weißen Tutu, die sich als tiefergelegtes Fernsehballett auf der Bühne formierten. Oder daran, dass die romantische Liebesgeschichte zwischen Prinz Siegfried und der verzauberten Schwanenprinzessin Odette von der jungen Truppe frech auf den Kopf gestellt wurde. Denn der Held bevorzugte ganz offensichtlich den attraktiven männlichen Schwan Odile.

Nein, das lag vor allem daran, dass die 32-jährige Choreographin Dada Masilo, Shootingstar der afrikanischen Tanzszene und temperamentvoll in der Rolle der Odette, altgedientes europäisches Kulturgut mit Lust und List demontierte. Ganz ungeniert klopfte sie es auf die Haltbarkeit seiner Botschaften ab. Da musste so manches Ideal, so manche liebgewonnene, tänzerische Attitude ordentlich Federn lassen.

Schon der Aufmarsch der Schwanensee-Grazien geriet zur ironischen Lehrstunde, in der die Zeremonienmeisterin (Nicola Haskins) über den Sinn und Unsinn klassisch daher trippelnder Mädchenformationen mit ihren typisch wedelnden Seegras-Armen lamentierte. Sie sezierte die Anti-Schwerkraft-Sprünge von Tänzern und hinterfragte die „Keiner-liebt-mich-Zusammenklapper“, die jede Primaballerina irgendwann publikumswirksam zu Boden zwingt. Der Wahn vom Schwan – bei Masilo geht er gleich in der ersten Runde k.o.

 Doch dann baut die Choreographin aus den musikalischen Versatzstücken von Tschaikowsky und Saint-Saens, mit Anleihen an die Minimalisten Arvo Pärt und Steve Reich sowie mit dem überbordenden, rhythmusbetonten Melodienschatz ihrer südafrikanischen Heimat jenen Klangteppich auf, auf dem die 13-köpfige Compagnie in ihrer ganz eigenen dynamischen Ästhetik vom Leben erzählt. Großartig, wie llewellyn Mnguni als Lover seine Wut im wahrsten Sinn des Wortes auf die (Fuß-)Spitze treibt. Wie er im eindringlichen Pas de trois mit Siegfried (Thabani Ntuli) und Odette ums Liebendürfen ringt – und verliert. Am Ende stehen die 13 Tänzer schwarzgewandet mit bloßem Oberkörper auf der Bühne. Alle gleich. Alle einfach nur Mensch.

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