Klassische Kurzweil mit Lang Lang
Bild: Steinecke
 Versunken ins eigene Spiel: Der chinesische Starpianist Lang Lang beim Konzert im Theater Gütersloh.
Bild: Steinecke

Von den Puristen gescholten, vom Publikum geliebt, jettet Chinas Edelpianist mit Hauptwohnsitz in New York durch die großen Konzertsäle dieser Welt, um seine zum Teil durchaus egozentrische Sichtweise auf die Klassiker zu zelebrieren. So unorthodox wie die Zusammenstellung seiner Programme, sind auch seine Interpretationen.

In Gütersloh brachte er eingangs Mozarts frühe Salzburger Klaviersonaten Nr. 5 G-Dur und Nr. 4 Es-Dur mit der späten A-Moll-Klaviersonate Nr. 8 zusammen, die der Komponist – erschüttert vom Tod seiner Mutter – schrieb. Wo Mozart Verzweiflung in melancholischen Molltönen verdichtet, hämmert Lang Lang den Schmerz einfach wild heraus.

Nahezu altmeisterlich romantisch nähert er sich dagegen den beiden anderen, sehr viel poetischeren Werken. Schön, dieser helle, perlende Klang, den er mit virtuoser Fingerfertigkeit zu erzeugen weiß. Irritierend der Verzicht auf die notierten Wiederholungen und die ungewöhnliche Formierung der Tempi bis hin zu einer elegischen Überdehnung, die zwar nicht in den Noten steht, aber vom Pianisten effektvoll mit entsprechender Körperhaltung unterstrichen wird. Manieriert? Nein. Ein Hingucker? Ja.

Lang Lang spielt Mozart, aber eben nicht nach dessen Grammatik, sondern nach komplett eigenem Gusto. Seine Gestaltung scheint keiner stringenten, überlegten Struktur zu folgen, sondern aus dem Moment heraus zu erfolgen. Wie aufgeregte Schmetterlinge flattern seine Hände über die Tasten, bereit, sich überall dort niederzulassen, wo Schönklang erblüht. Das zeugt von großer Spielfreude, gibt Raum für spontane sowie ungewohnte Akzente und liefert auch manch reizvolle Petitesse. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Dass der 31-jährige Chinese sich geradezu mit lustvoller Respektlosigkeit technischen Herausforderungen stellt, beweist er mit den Balladen 1 bis 4 von Chopin. Die dramatischen Sequenzen haben Wucht, dringen mit Macht in den Raum. Und die lyrischen Themen liegen Lang Lang ohnehin. Die weiß er subtil, mit eleganten Melodienbögen, herzu- zaubern. Da zeigt er auch, was viele Kritiker bestreiten: dass er durchaus den Klang fein abzuschattieren weiß. Wenn er will.

Späte Signierstunde

Am Ende herrscht im Saal die berühmte Stecknadelstille – ehe der Applaus donnernd losbricht, getragen von vereinzelten Bravo-Rufen. So bedächtig sich Lang Lang am Anfang des Abends ins Rampenlicht geschoben hat, so beschwingt tritt er von der Bühne ab – um sich flugs wieder an den Flügel zu setzen. Drei Zugaben erklatschen sich die Gütersloher, darunter Chopins „Minutenwalzer“ – immerhin eine Zugabe mehr, als der Meister den Kölnern geschenkt hat. Es scheint Lang Lang tatsächlich in Gütersloh gefallen zu haben.

Zur Signierstunde ab 22 Uhr in der Skylobby trifft er – flankiert von zwei Leibwächtern – jedenfalls pünktlich ein und unterschreibt, was man ihm hinhält. Mit einfachem L die Tickets, mit vollem Namen die Plakate und mit wie von einer Schleife gebundenen Buchstaben CDs. Das Blitzlichtgewitter der Fotografen rügt er ungnädig mit entschiedener Geste und überdeutlichem „No flash!“

Kaum ist der Strom der Fans versiegt, erfolgt noch ein unverbindliches Nicken, ein kurzer Gruß mit royaler Geste in die große Runde – und Lang Lang ist weg. „Super“, sagt ein Gast, „Wenn der und Nigel Kennedy jetzt schon da waren, dann wird das auch noch andere Weltstars nach Gütersloh locken.“ Und darum geht es ja schließlich auch, oder?

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