Klinikum braucht 83 Millionen Euro
Das städtische Krankenhaus aus der Vogelperspektive: Rechts sind die beiden Ärztehäuser zu sehen, unten die Parkpalette. Der vergrößerte Neubau soll an das Bettenhaus Süd (Bildmitte) andocken, wo jetzt noch Bäume zu sehen sind.

Die Zahl steht in einer Vorlage für den städtischen Finanzausschuss (27. Februar), der das weitere Vorgehen beschließen soll. Weil Kommune und Klinikum das nicht allein stemmen können, will die Stadt den Kreis in die Pflicht nehmen. Der Aufsichtsrat des Klinikums hat die Zielplanung und das Vorgehen Ende Dezember einstimmig befürwortet.

Zuletzt war 2011 eine bauliche Zielplanung unter dem Titel „Vision 2020“ mit Investitionen in Höhe von 43 Millionen Euro vorgestellt worden. Sie wurden in Teilen umgesetzt, zwei wesentliche Bausteine fehlen noch. So war schon damals unter dem Stichwort „neue Mitte“ ein Anbau ans Bettenhaus Süd mit einem neuen Haupteingang Richtung Brunnenstraße geplant. Er fehlt bis heute. Der Altbau mit dem heutigen Eingang von 1932/33 sollte eigentlich abgerissen werden.

In der Zwischenzeit wurde der Standort Rheda geschlossen (2013), die Patientenzahlen sind gestiegen und auch die Technik hat sich weiterentwickelt. In Zusammenarbeit mit der HDR TMK Planungsgesellschaft aus Düsseldorf wurde deshalb die Planung noch einmal überarbeitet.

So soll der Anbau mit dem neuen Eingang größer ausfallen und im ersten Obergeschoss auch eine Intensivstation mit Überwachungsstation aufnehmen. Das ist mit 47 Millionen Euro der größte Brocken gefolgt von der Sanierung des OP-Trakts (14 Millionen Euro). Alles in allem komme man auf 83 Millionen Euro „in den nächsten 10, vielleicht auch 15 Jahren“, sagte Geschäftsführerin Maud Beste am Freitag vor der Presse.

Das könne das Klinikum „definitiv nicht aus eigener Kraft“ und auch nicht über Darlehen leisten. Der Investitionszuschuss des Landes NRW betrage nur 845 000 Euro im Jahr, was gemessen am Bedarf geradezu „grotesk“ anmute. In den vergangenen zehn Jahren habe das Haus 20 Millionen Euro an eigenen Investitionen geleistet.

Abriss und Ersatz des Altbaus sind in der neuen Kalkulation noch gar nicht enthalten: „In einem ersten Schritt wird der Altbau erstmal stillgelegt“, sagte Beste. Zu etwas anderem sei er nicht zu gebrauchen.

Die Stadt hatte als Trägerin wiederholt Zuschüsse oder Darlehen gewährt und soll auch diesmal einspringen. „Wir wollen die Leistungsfähigkeit und die Wettbewerbsfähigkeit des Hauses erhalten“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende und SPD-Ratsherr Matthias Trepper. Das Krankenhaus müsse attraktiv bleiben, um Fachkräfte (-ärzte) zu bekommen. Ohne zu handeln würden sich die Patientenzahlen zurückentwickeln. Trepper: „Wir wollen das anpacken.“

„Die Frage ist nicht ob, sondern wie“

Bürgermeister Henning Schulz (CDU) verwies am Freitag vor der Presse auf die jüngste Standortumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK). Danach sei eine gute medizinische Versorgung ein „erheblicher Standortfaktor“. Das Klinikum sei ein unverzichtbarer medizinischer Anker für die Stadt. Schulz: „Es geht nicht um die Frage Klinikum ja oder nein, sondern um die Frage: Wie?“ Es gehe darum, die Qualität der medizinischen Versorgung in die Zukunft zu transportieren.

Auch die Erste Beigeordnete und Kämmerin Christine Lang erklärte: „Es ist völlig unstrittig, dass ein großer Investitionsbedarf besteht.“ Ein Zuwarten bringe das Klinikum auf eine Abwärtsschiene. Die Stadt müsse einspringen entweder über Trägerdarlehen oder Zuschüsse oder eine Kombination aus beidem. Lang verwies auf ein „riesenhaftes Erschrecken“, das die anderen schon bekannten Investitionspläne der Stadt ausgelöst hätten.

Die Erste Beigeordnete forderte, dass sich der Kreis an den Investitionen beteilige, weil an die 50 Prozent der Patienten nicht aus der Stadt, sondern aus dem übrigen Kreisgebiet kämen. „Es kann nicht sein, dass der Kreis sich für die Krankenhausversorgung überhaupt nicht verantwortlich fühlt“, so Lang.

Die Stadt fordert in ihrer Ausschussvorlage die Krankenhäuser in Gütersloh auch auf, ihre Leistungen „zum Wohl der Patienten und zur wirtschaftlichen Stärkung der Häuser besser abzustimmen und wenn möglich aus einer Hand zu erbringen“.

Der Kreis winkt ab

Der Kreis hat am Freitag schnell reagiert. In einer Stellungnahme sieht Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) keine Grundlage für eine finanzielle Beteiligung des Kreises. Gesundheitsdezernent Thomas Kuhlbusch nennt Gründe.

So erstrecke sich das Einzugsgebiet des Klinikums nach Daten von 2016 nur auf fünf der zwölf kreisangehörigen Kommunen. Während aus den Städten Rheda-Wiedenbrück, Verl, Harsewinkel, Rietberg und Herzebrock-Clarholz rund 84,7 Prozent der Patienten stammten, kämen nur 6,6 Prozent aus den anderen sieben kreisangehörigen Kommunen.

Kuhlbusch: „Eine Beteiligung des Kreises würde über die Kreisumlage zu einer überproportionalen und nicht zu rechtfertigenden finanziellen Belastung der sieben Kommunen führen, deren Bürger das Städtische Klinikum nicht nutzen.“ Diese würden über die Kreisumlage zu rund 26,9 Prozent belastet.

Durch eine Mitfinanzierung würde der Kreis laut Kuhlbusch außerdem „zum Ausfallbürgen der allgemein als unzureichend kritisierten Investitionsförderung durch das Land werden“. Und schließlich würde der Kreis durch eine unmittelbare finanzielle Unterstützung des städtischen Klinikums „gravierend in den innerstädtischen Wettbewerb zum St.-Elisabeth-Hospital eingreifen“, heißt es in der Stellungnahme.

Weiteres Vorgehen

Der städtische Finanzausschuss soll den Investitionsbedarf und die Folgerungen daraus am Dienstag, 27. Februar (17 Uhr, Ratssaal), beraten. Der Stadtrat beschäftigt sich damit am Freitag, 9. März (17 Uhr). Wegen des größeren Baukörpers für den Neubau muss der Bebauungsplan nochmals geändert werden. Weil der Neubau mitten auf dem Gelände liegt, sieht die Erste Beigeordnete Christine Lang keine Auswirkungen auf das Umfeld. Ein gutes Jahr veranschlagt sie für die weitere Planung. Christine Lang: „Wir können uns keine jahrelange Hängepartie vorstellen.“

 

 

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