Lehrer geben den Ton per Skype an
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Zwischen vier und acht Schüler täglich kann Professor Peter Kreutz kreisweit von seinem Musikraum im Alten Amtsgericht Gütersloh per Laptop unterrichten.
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Kreutz ist Klavierlehrer an der Kreismusikschule. Seit drei Tagen unterrichtet er seine Schüler per Laptop. Er sitzt in seinem Gütersloher Musikraum im Alten Amtsgericht, die Kinder und Jugendlichen irgendwo im Kreis zuhause am Klavier. Über Tablet oder Smartphone folgen sie den Anweisungen von Kreutz, proben Läufe und Etüden.

Die Hardware ist so eingerichtet, dass die Kameras der Geräte auf die Hände gerichtet sind. Lehrer wie Jungmusiker können direkt sehen, was da von wem wie gespielt wird und tauschen sich aus. „Das funktioniert tatsächlich gut“, zeigt sich Kreutz als frisch bekehrter Skeptiker ganz begeistert. „Ich bin überrascht, wie konzentriert die Kinder dabei sind.“

Digitaler Unterricht, das hat er erkannt, ist derzeit nicht nur alternativlos, sondern auch eine Riesenchance für die Musikschulen. Denn so reißt der Kontakt zu den Schülern nicht ab. Das erhält deren Motivation und die Eltern sind glücklich, dass ihre Kinder in der derzeitigen häuslichen Zwangspause sinnvoll beschäftigt sind.

Das sieht Eckard Vincke, Fachbereichsleitung Blechbläser, genauso. Er unterrichtet seine Schüler kreisweit von seinem Haller Domizil aus – per Skype. Wobei dem stellvertretenden Kreismusikschulleiter schon klar ist, dass digitaler Unterricht eine andere Vorbereitung von den Pädagogen verlangt. „Vor dem Bildschirm nur die Begleitstimme zu üben, das wäre zu langweilig für die Schüler.“

Deshalb schaut er nach ausgewählten Stücken, sucht Reizvolles wie Filmmusiken oder Werke mit komplizierteren Rhythmen und anspruchsvolleren Techniken für sie heraus, scannt deren Noten und mailt sie den Schülern. „Sie lernen sie, spielen sie mir vor und ich kommentiere.“

Das erfordere von den jungen Talenten sehr viel mehr Selbstständigkeit im Umgang mit der Musik. „Eine Herausforderung, die ihnen gut tut, und gleichzeitig uns Lehrern zeigt, dass zeitgemäßer Unterricht auch anders gehen kann.“ Und die Schüler bringt es weiter. Trotzdem gibt es Grenzen. Ist die Kamera auf die Tasten des Klaviers eingerichtet, kann der Lehrer die Pedalarbeit nicht sehen. „Aber das kann ebenso nachgearbeitet werden wie Fragen der Dynamik“, sagt Kreutz.

Und Vincke, der gern zusammen mit seinen Schülern die Stücke spielt, muss darauf verzichten, weil der Klang der Instrumente durch die leicht zeitversetzte Übertragung nie identisch sein kann. Außerdem: „Der Klang ist ohnehin nur so gut, wie das Mikrofon von Tablet oder Smartphone, das der Schüler benutzt.“

Für Schulleiterin Miriam Köpke, die ihren Gesangsunterricht ebenfalls online erteilt, ist der Einsatz digitaler Technik nicht nur selbstverständlich, sondern sogar überlebenswichtig. „Idealistisch gesehen ist es unser Beruf und unsere Berufung, Menschen zum Musizieren zu bringen. Ganz pragmatisch aber muss ich sicherstellen, dass der Unterricht vernünftig und qualitätsbewusst weiterläuft, damit nicht zu viele Eltern ihr Schulgeld zurückverlangen. Da geht es letztlich um die Existenz der Schule.“

Nicht von ungefähr ist sie glücklich, dass ihr Team – selbst die bisher so eingefleischten Digitalgegner wie Kreutz – jetzt mitziehen. Noch bevor am vergangenen Freitag die Schließung der Schulen angeordnet wurde, hatte Köpke schon vorsichtshalber einige Miet-Tablets bestellt, damit auch wirklich jeder Kollege für den Bedarfsfall mit der notwendigen Hard- und Software ausgestattet werden konnte. „Die meisten haben Tablets, sind technikaffin und konnten gleich durchstarten“, sagt Köpke. Die anderen bekommen entsprechende Schulungen bei ihr.

Einig ist sie sich mit allen, dass die Digital-Stunden auf Dauer kein vollwertiger Ersatz für den persönlichen Unterricht sein können. „Aber es ist derzeit besser als gar nichts“, bringt es Köpke auf den Punkt. Ohnehin setzt sie als Schulleiterin für die Zukunft auf ein Hybridmodell, will traditionelle und digitale Lehrmethoden mischen. Weshalb sie schon Ende 2019 eine Kooperation mit der Berliner Initiative „app2music“ geschlossen hat. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ermöglicht das Projekt, mobile Digitalgeräte für einen gestalterischen Umgang mit Musik zu nutzen.

Die Schule hat bereits erste Workshops dazu angeboten. Weitere sollen folgen – nach der Pandemie. Wie sagte doch Peter Kreutz: „Corona war nötig, damit ich neue Wege gehe.“ Es gilt, die Krise als Chance zu begreifen.

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