Mittenmang ins wilde Berlin der 20er-Jahre
Bild: Pieper
Inner-Wheel-Präsidentin Dr. Martina Schwartz-Gehring (vorn, Mitte) mit dem kostümierten Laienchor „Vocal Pearls“ aus Lage, der einen literarisch-musikalischen Streifzug durchs Berlin der 20er-Jahre bot.
Bild: Pieper

 Die atmosphärisch ausgeleuchtete Erlöserkirche in Gütersloh verwandelte sich dank des gut aufgelegten Lager Laienchors „Voice Pearls“ unter der Leitung von Hans Hermann Jansen in jenes schummrig-burleske Reich, in dem die Lou Lila trug, Marlene Dietrich den blauen Engel gab und sich die Bohème die Lebenslust wie eine Federboa um den Hals hing.

Ein Tanz auf jenem Vulkan, der sich aus einer zerrissenen Zeit zwischen Monarchie und Diktatur, zwischen Luxus und Elend, speiste. Und wie immer, wenn der Mensch schon am Abgrund steht, lechzte er auch damals gierig nach Unterhaltung – vor allem „Im schwarzen Ferkel“. Die kleine Destille, von August Strindberg entdeckt und zum Wohnzimmer für sich und Gleichgesinnte umfunktioniert, wurde zum begehrten Berliner Szene-Treff. Dort dichtete Peter Hille goldene Aphorismen - „Todgebell aller Ismen.“ Da sah sich der Reklame-Texter der Firma Maggi, Frank Wedekind, bereits als großer Literat. Da buhlte der Maler Edvard Munch so hingebungsvoll wie vergeblich um die Liebe zur betörenden norwegischen „femme fatale“ Dagny Juels. Und Tucholskys Text „Das ist der Herzschlag“ für den Revue-König Friedrich Hollaender machte von dort aus die Tristesse der Großstadt singbar.

Geschickt steuerte Jansen in einem bunten Text- und Musik-Mix Sänger und Publikum durch eine oft allzu verklärte Ära. Dem launigen Marsch „Das ist die Berliner Luft“ aus Paul Lincke Operette „Frau Luna“ ließ er mit tiefschwarzem Humor Hanns-Heinz Everts „Wasserleiche im Karpfenteiche“ folgen. Dem eindeutigen Tango „O Donna Clara“ stellte er Erich Mühsams sozialkritisches Lied voran, in dem sich auf den Lampenputzer der Revoluzzer reimt.

Mit Marie Justine Klemme und Johanna König waren zwei selbstbewusste junge Sängerinnen dabei, die nicht nur als „Tauentzien-Mädels“ auftrumpften. Und Chansonsängerin Thalmann gestand – ganz Eva – unter anderem mit rauchiger Stimme „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.“

 Was mit perlenden Klavieretüden von Chopin (Sevasti Symonidou) edel begonnen hatte, endete beim vergnüglich-offenherzigen Schmankerl „Ich fahr mit meiner Clara in die Sahara“. Dass der doppeldeutige, von den Nazis politisch missbrauchte Zarah-Leander-Hit „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ zu den Zugaben gehörte, zeugt vom wohlüberlegten Konzept dieses Abends: Populäres reißt die Menschen seit jeher mit. Man muss nur aufpassen, in wessen Rhythmus man mitklatscht. Damals wie heute.

Hintergrund:

  Die Gäste durften sich nicht nur über ein ansprechendes und abwechslungsreiches Musikprogramm freuen, das unter dem Titel „Mensch sei Mensch und unterscheide dir von’s Tier“ präsentiert wurde, sondern auch darüber, dass der Erlös des Abends einem guten Zweck zugute kommt: dem Projekt „Sprache verbindet“. Derzeit profitieren davon rund 150 Kinder mit Migrationshintergrund in Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück und Rietberg. Denn sie werden von sogenannten Sprach-Scouts betreut, Gymnasiasten, die ihnen jene sprachliche Kompetenz vermitteln, die die Kinder für ihren schulischen Erfolg und ihren weiteren Lebensweg brauchen. „Das 2009 gestartete Projekt hat angesichts der Flüchtlingssituation anhaltende Aktualität“, brachte es Dr. Martina Schwartz-Gehring auf den Punkt.

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