Musikverein singt überwältigenden „Paulus“
Bild: Kreyer
Überwältigende Darbietung: Unter der empathischen Leitung von Thomas Berning (Mitte) gelangten dem Städtischen Musikverein, der Nordwestdeutschen Philharmonie sowie dem Solisten-Quartett Bettina Pieck, Hannah Morrison, Patrick Grahl und Tobias Berndt eine grandiose Aufführung des „Paulus“-Oratoriums.
Bild: Kreyer

Mit Leidenschaft  hat er am Sonntag den Chor, die Nordwestdeutsche Philharmonie und das Solistenquartett durch 150 Minuten Gesang und Spiel geführt.

 Gleich zu Beginn erklingt der berühmte Chorsatz „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, womit Mendelssohn nicht nur seine programmatische Nähe zu Bach bekräftigt, sondern zugleich den mahnenden Charakter des zur Bekehrung aufrüttelnden Werks betont.

Hintergrund: „Wenn in diesen unruhigen Tagen die eifernden Antlitze fanatisierender Zeitgenossen über die Bildschirme flimmern, wünschte man sich da nicht für jeden dieser Mitmenschen ein einschneidendes Erlebnis, das zum Nachdenken zwingt? Ein Geschehnis, das dazu führt, Radikalität und Gewalt abzuschwören?“

Diese Überlegung ist für den Städtischen Musikverein die Initialzündung zur Auswahl und Aufführung des „Paulus“-Oratoriums gewesen, das die Wandlung vom christenverfolgenden Saulus zum Apostel Paulus widerspiegelt. Damit haben Chor und Dirigent Thomas Berning nicht nur ein klares Zeichen gesetzt, sondern auch bewiesen, dass Mendelssohns 1836 uraufgeführtes und damals schon als „Juwel der Gegenwart“ gefeiertes Werk zeitlos ist.

Zu einem fast ätherischen Klang erweitern sich die Instrumente unter Bernings subtiler Leitung. Unüberhörbar wird die Botschaft, die wenig später mit Inbrunst vom Chor gesungen wird. Die Sängergemeinschaft bewältigt diese gewaltige Partie bis zuletzt konzentriert und voller Spannung. So überschaubar dabei auch der Männerchor ist, so gestaltet er seinen Part im brodelnden Volkschor vor der Steinigung des Stephanus doch mit Bravour. In einem wohltuenden Spannungsfeld wechseln sich Orchester- und Chor-Passagen, Rezitative und Soli ab.

Die Erzählerrolle übernehmen die Solisten (Sopran und Tenor), die in ihren Arien die Emotionen zusätzlich vertiefen. Hannah Morrison und Patrick Grahl präsentieren sich in mitreißender Intensität mit fabelhaft strahlkräftigen Stimmen – dramatisierend, erzählend und einfühlsam. Mit etwas zu leicht timbriertem Bass lotet Tobias Berndt seine Rolle als Paulus aus. Dennoch wirkt sein „Ich danke dir, Herr, mein Gott“ ergreifend. Mit vergleichsweise kleinem Einsatz bringt sich Bettina Pieck mit zuverlässiger Altstimme für die erkrankte Janina Hollich in das Solistenquartett ein.

Mendelssohns „Paulus“ ist ein mächtiges Werk. Bernings Dirigat ist präzise und setzt doch emphatische Akzente. Aus dem Ensemble holt er das Optimale heraus. Vieles klingt schlichtweg perfekt. Es ist ein Genuss, die gefühlsbetonten Melodien dieses Chors und diese alle Klangmöglichkeiten ausschöpfende Nordwestdeutsche Philharmonie zu erleben.

Und es ist unüberhörbar, dass Berning selbst beeindruckt ist von der Vertonung der Paulus-Geschichte: „Sie mag uns zeigen, dass Lebenswege sich radikal ändern können, und dass wir anderen diese Chance gewähren sollten.“ Eine Botschaft, die mit packenden Turba-Chören, ergreifenden Arien und dramatisch bewegten Szenen bei den begeisterten Zuhörern in der vollbesetzten Stadthalle ankommt. Eine großartige Leistung, die mit der geradezu überwältigenden, von Pauke und Hörnern begleiteten Darbietung von „Lobe den Herrn, meine Seele“ endet.

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