Mutige Frauen würden wieder eingreifen
Bild: Bojak
Mutige Frauen: Linda Cariglia (links) und Karolina Smaga stellen nach, wie der Angreifer Karolina am Sonntag das Smartphone aus der Hand riss, um sie daran zu hindern, die Polizei zu alarmieren.
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 „Ich schlafe sehr unruhig“, sagt Karolina Smaga. Sie habe das Gesicht des Mannes immer vor Augen. Ihrer Freundin Linda hat sich vor allem die Szene ins Gedächtnis gebrannt, wie der Angreifer Karolina das Smartphone aus der Hand reißt, als sie die Polizei alarmiert.

Unterstützung von jungen Männern blieb aus

Die 20-jährige Linda Cariglia und die 21-jährige Karolina Smaga haben – wie berichtet – am Sonntagmorgen in Bielefeld verhindert, dass eine junge Frau vergewaltigt wurde. Einfach zur Tagesordnung übergehen können die beiden danach nicht. Einerseits, weil sie als Heldinnen gefeiert werden. Täglich erhalten sie weitere Anfragen unterschiedlicher Medien, die über das mutige Einschreiten der beiden Frauen berichten wollen. Andererseits, weil sie die schockierende Erfahrung gemacht haben, dass ihnen niemand zur Hilfe eilte, obwohl einige junge Männer am Ort des Geschehens waren und Karolina Smaga sie direkt aufforderte, ihr bei der Verfolgung des Angreifers zu helfen. „Ich habe geschrien: ,Haltet ihn fest, das ist ein Vergewaltiger.‘ Aber niemand hat sich gerührt“, erzählt Karolina Smaga.

Jeder kann auf Hilfe angewiesen sein

Deshalb haben sich die Freundinnen entschlossen, die Anfragen der Medien anzunehmen und ihre Geschichte zu erzählen. „Dabei geht es nicht darum, was wir getan haben“, betont Linda Cariglia. „Wir wollen einfach nur aufrütteln und zeigen, wie wichtig es ist, anderen Menschen zu helfen.“ Man müsse sich einfach nur vorstellen, dass derjenige, der gerade angegriffen werde, vielleicht die eigene Schwester, die Freundin oder die Tochter sei, ergänzt Karolina Smaga. Dann werde es ganz selbstverständlich, dass man eingreife. Und jeder könne schließlich selbst in eine Situation geraten, in der er auf Hilfe angewiesen sei.

Glimpflich davongekommen

Karolina und Linda sind überzeugt, dass sie einer ähnlichen Situation wieder so handeln würden. Auch wenn sie gerade erfahren, wie sehr sie das Erlebte selbst belastet. Schließlich hat der Mann Karolina Smaga ins Gesicht geschlagen und sie bei der späteren Verfolgung auch noch mit einem Messer bedroht und leicht verletzt. „Ich wollte einfach, dass der Angreifer gefasst wird“, erklärt Karolina, warum sie nicht damit zufrieden war, den Mann nur in die Flucht zu schlagen. Und wenn sie ihn nicht verfolgt hätte, wäre er der Polizei vielleicht noch entkommen.

Urlaubsreise nach Danzig abgesagt

Eigentlich ist den beiden Frauen der ganze Rummel zu viel. Die beiden haben zurzeit Urlaub. Geplant war, schon am Montag gemeinsam nach Danzig zu reisen, zur Familie von Karolina Smaga. „Das haben wir aber abgesagt“, erklärt die 21-Jährige. Einfach in den Urlaub verschwinden, das geht nach dem Vorfall nicht.

Familie ist stolz

Freunde und Familien der beiden Mädchen sind auf der einen Seite stolz auf die mutigen Frauen. Auf der anderen Seite wissen sie auch, wie gefährlich der Einsatz am Sonntag war. „Meine Oma hat geweint, als sie gelesen hat, was wir erlebt haben“, erzählt Linda Cariglia. „Meine Mutter hat gesagt, dass wir schon leichtsinnig gewesen sind“, fügt Karolina hinzu. „Aber sie hat auch erklärt, dass sie genauso gehandelt hätte.“

Anerkennung von vielen Seiten

Der Mut der jungen Frauen wird nicht nur von der Presse in den Blick gerückt. Von unterschiedlichen Seiten gebe es kleine Anerkennungen, berichten die beiden. Eine Kampfsportschule habe ihnen vorgeschlagen, kostenlos an einem Selbstverteidigungskursus teilzunehmen. Ein Umzugsunternehmen habe sich ebenfalls gemeldet und seine Dienste angeboten.

Einsatz für mehr Zivilcourage

Die Frauen freuen sich über die Anerkennung, betonen aber noch einmal, dass es nicht um sie beide gehe. Ein Angebot werden sie auf jeden Fall annehmen: Die Bielefelder Bürgerstiftung hat ihnen vorgeschlagen, sich am Projekt #bielefeldcouragiert zu beteiligen. Die Initiatoren erhoffen sich durch das Projekt ein Bewusstsein zu schaffen, damit jeder sich im Zweifelsfall nicht auf andere verlässt. Ganz im Sinne von Linda und Karolina also.

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