Neue Stimmen aus Russland und Südafrika
Bild: Steinecke
Das sind sie, die Sieger des Internationalen Gesangswettbewerbs  Neue Stimmen der Bertelsmann Stiftung (v.l.) Jury-Vorsitzender Dominique Meyer Sopranistin Anna El-Kashem, Liz Mohn und Tenor Long Long.
Bild: Steinecke

Denn dort stand ihre kleine Schwester Nombulele Yende  auf der Bühne. Südafrikanisches Stimmwunder im Doppelpack. Und das war nicht die einzige Überraschung, die der Internationale Gesangswettbewerb der Bertelsmann Stiftung parat hielt.

„Wir haben heute so schöne Musik und so tolle Sänger gehört, dass ich manchmal fast vergessen hätte, die Punkte zur Wertung aufzuschreiben“, machte Jury-Vorsitzender Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper und designierter Intendant der Mailänder Scala, die Crux für ihn und seine hochkarätigen Mit-Juroren deutlich. Am Ende eines furiosen Final-Konzerts, das die Duisburger Philharmoniker unter Leitung ihres immer wieder von so viel Talent ganz hingerissenen und mitsingenden Dirigenten Jonathan Darlington mit einem üppigen Klangteppich unterlegten, gab es zwar je einen klaren Sieger bei den Damen und Herren. Aber weil das Niveau im 18. Wettbewerbsjahrgang noch höher als sonst und die Qualität des Stimmmaterials noch außerordentlicher als üblich war, vergab die Jury zwei zweite Plätze (je 10 000 Euro) statt eines dritten bei den Männern. Zudem wurde erstmals ein Young-Singers-Award ausgelobt. Aber der Reihe nach.

Zweitplatziert: der südafrikanische Bariton Bongani Kubheka.
 Den mit jeweils 15 000 Euro dotierten ersten Platz sicherten sich die russische Sopranistin Anna El-Kashem (23) und der chinesische Tenor Long Long, zwei umjubelte Absolventen des Opernstudios der Bayrischen Staatsoper München. Wettbewerbserfahren, wusste sich der 28-Jährige selbstbewusst und mit großer Strahlkraft zu präsentieren. Ob liebestrunken als Gounods Romeo oder liebeskummergebeutelt als Prinz Sou-Chong aus Lehàrs „Land des Lächelns“ ließ er die ganz großen Gefühle zum puren Klang werden. Die Hannoveraner dürfen sich freuen. Dort wird der Richard-Tauber-Erbe demnächst in „La Bohème“ zu hören sein – nach Singapur und einer Stippvisite in China. „Meine Mutter hat mich elf Monate nicht mehr gesehen. Die wird sich freuen, wenn ich ihr den Preis mitbringe“, verriet Long Long der „Glocke“. Dass der Sieg bei den Neuen Stimmen für ihn einen wichtigen Schritt bedeutet, ist dem Sänger, der seinen Namen von Chang Long karrierebewusst – und auch mit Blick auf seinen prominenten, klavierspielenden Landsmann – in Long Long änderte, klar. Denn die internationale Opernwelt blickt auf diese einzigartige Talentbörse, die sich alle zwei Jahre unter der ambitionierten Präsidentschaft von Liz Mohn in Gütersloh offenbart.

Zeigen, wie schön Musik ist

„Einfach fantastisch“ fühlte sich Anna El-Kashem nach der Siegerehrung. Gestresst vom Wettbewerb? Von wegen. „Ich bin kein ängstlicher oder zaudernder Typ. Mein Job als Sänger ist es, zu zeigen wie schön Musik ist.“ Und das tat sie perfekt. Mit entfesselter Wildheit als Händels Kleopatra und mit berührender Zartheit als Wolkowa, Tochter des Meereszaren in Rimski-Korsakows Oper „Sadko“. Sirenengesang aus und mit russischer Seele. Schöner können Tönen kaum Wellenkreise ziehen.

Auf Platz zwei sang sich die Moldawierin Natalia Tanasii (28), die mit unter die Haut gehender Intensität in Puccinis „Sour Angelica“ das musikalische Porträt einer Verstoßenen lieferte, und mit hinreißend kultiviertem Sopran Tatjanas Briefarie aus Tschaikowskys „Eugen Onegin“ ans atemlos lauschende Publikum schickte.

 Freudestrahlend lagen sich die zweitplatzierten Herren in den Armen: Der Slowene Domen Krizaj mit seinem substanzhaltigen, farbenprächtigen Bariton, den er sowohl im Bellini-Belcanto als auch in Mozarts Wundertüten-partitur entfaltete, und sein südafrikanischer Kollege Bongani Justice Kubheka. Der zündete erst ein filigranes Figaro-Feuerwerk und packte dann mit kerniger, allumfassender Stimmlage als Torero für seine angebetete „Carmen“ musikalisch den Stier bei den Hörnern. Jubel auf allen Plätzen.

Passend zu ihrem Kleid brachte die slowakische Sopranistin Slávka Zámecniková (28) in funkelndem, emotionalem Silber nicht nur eine fulminant-leidenschaftliche Donna Anna aus Mozarts „Don Giovanni“ auf die Bühne, sondern als Charpentiers „Louise“ auch Spitzentöne voll subtiler Sinnlichkeit. Mit 5000 Euro wurde ihr der dritte Platz vergoldet.

„Manches ist eine Sache des Moments“

Sichtlich mehr erhofft, hatte sich die französische Sopranistin Hélène Carpentier. Aber weder ihre Pamina noch ihre Julia schienen die Jury zu überzeugen. „Manches ist eben eine Sache des Moments“, erklärte Dominique Meyer mit Blick auf all das in der Finalwoche Gehörte, das in die Endwertung mit einfließt, die Dissenz zum Publikum. Die Zuhörer hätten auch der albanischen Sopranistin Enkeleda Kamani, dem famos auftrumpfenden US-Tenor James McCorkle und vor allem der Südafrikanerin Nombulelo Yende mehr als „nur“ einen Förderpreis gewünscht. Wie Letztere, ganz in opulentes Zitronengelb gewandet, Mozart und Puccini mit ihren Stimmbändern in Samt und Seide kleidete, das war ganz großes Gefühlskino. Wie gut, das diese Frau ihren Plan A – Medizin zu studieren – aufgegeben hat. Die Welt braucht schöne, neue Stimmen wie diese. Nicht nur ihre Schwester Pretty feierte das. Erst im Saal und später bei der Party im Parkhotel.

Brian Dickies Young Singers Award

Liz Mohn präsentierte Brian Dickie den nach ihm benannten Young Singers Award.
Er wollte ihn gar nicht mehr loslassen, den nach ihm benannten Young-Singers-Award: Brian Dickie, ehemaliger Generaldirektor der Chicagoer Oper, der seit seit mehr als 20 Jahren weltweit die Vorauswahlen trifft, der sich mehr als 10 000 junge Sänger angehört hat, der hunderttausende von Kilometern per Flugzeug – „alles in der Economy-Class“, wie Liz Mohn betonte – zurückgelegt hat, und der für seine „feinen Ohren“ im weltweiten Opernnetzwerk berühmt-berüchtigt ist. Besser kann man den 78-jährigen Briten wohl nicht ehren. Er war sichtlich gerührt, als Mohn ihm den Preis am Samstag erstmals zeigte und ihm für sein langjähriges, unermüdliches Engagement dankte. Und das bezog sie nicht nur auf seine Rolle als Talententdecker und -förderer. Ihm sei es auch zu verdanken, dass der Kreis der Juroren sich zu einem Freundeskreis entwickelt habe. Der mit 5000 Euro dotierteBrian-Dickie-Young-Singers- Award ging an den erst 22-jährigen ukrainischen Bassbariton Vladislav Buyalskiy, der, vollkommen überrascht davon, im sportlichen Sprint auf die Bühne hechtete.

Ein Weltstar als Zaungast

Der markante, beifallbekundende Zungentriller aus dem Parkett war das Zeichen: Damit zeigte der eigens aus Mailand angereiste Opernstar Pretty Yende Zustimmung und Zuneigung für ihre Schwester Nombulelo. Sie hat es zwar nicht aufs Siegertreppchen bei den Neuen Stimmen geschafft. Aber mit dem Publikumspreis vom Semifinale sowie besten Empfehlungen seitens der Juroren im Gepäck, kann sie den von Liz Mohn versprochenen „Koffer an anhaltender Karrierebegleitung“ mitnehmen. Pretty Yende jedenfalls zeigte sich im Gespräch mit der „Glocke“ mächtig stolz auf ihre Schwester. Woher in ihrer Familie so viel musikalisches Talent komme? Die Eltern hätten immer gern gesungen. Die Musik ihrer Heimat gehöre seit jeher zu ihrem Leben. Die Oper habe sie aber erst mit 16 Jahren für sich entdeckt – bei einer Fluglinien-Werbung im Fernsehen. Da sei Leo Delibes Blumenduett aus „Lakmé“ gelaufen. Danach stand für sie fest: Ich werde Opernsängerin. Den Wettbewerb der Neuen Stimmen nannte Pretty Yende einen der besten der Welt – weil er junge Sänger ernst nehme und ihnen Chancen wie kein anderer biete.

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