Nostalgischer Ausflug in die Geschichte
Bild: Dünhölter
Mit erhobener Arbeiterfaust: Der Bielefelder Michael Greis kam als Rotfrontkämpfer mit einem Göricke-Rad zum Tweed Run am Stadtmuseum.
Bild: Dünhölter

Sie kamen in Knickerbockern, Marlene-Schlaghosen, aparten Tweed-Kostümen, karierten Anzügen, mit Schiebermützen, kunstvoll gezwirbelten Schnurrbärten oder eleganten Hüten.

Als er mittags sein Auge über die Mischung aus Live-Musik, Tanz und nostalgische Erscheinungen gleiten ließ, konnte Jan-Erik Weinekötter (Gütersloh Marketing) seine Freude kaum verbergen: „Wir sind unheimlich stolz darauf, wie sich die Veranstaltung seit ihrer Premiere 2014 entwickelt hat. Von Jahr zu Jahr kommen mehr Zuschauer. Für die Mühe, die sich die Teilnehmer in der Zusammenstellung ihrer Outfits und bei der Auswahl der Fahrräder geben, ist das die allerschönste Belohnung.“ Die steigende Beliebtheit in der Bevölkerung spreche für den guten Ruf, „den die Veranstaltung mittlerweile in der Vintage-Szene genießt“, so der in Knickerbockern gewandete Weinekötter.

Seit vielen Jahren sind historische Darstellungen der Weimarer Republik das besondere Hobby des Bielefelders Michael Greis (43): „Ich liebe es, Geschichte lebendig werden zu lassen.“ Den Tweed Run nutzt er, „um Historie außerhalb von Museumsmauern zu zeigen“. Nach einem Preußischen Schutzmann vor zwei Jahren hatte er sich diesmal in das Gewand eines Mitglieds des in den 1920er-Jahren aktiven Rotfrontkämpferbunds gekleidet.

„Ich suche mir immer ein möglichst aktuelles Thema. In diesem Jahr ist der Tweed Run etwas später als sonst. So kam ich auf das Thema 1. Mai.“ Gleichzeitig wolle er damit an einen tragischen Vorfall erinnern. Bei Protesten der Arbeiterbewegung waren am 1. Mai 1928 in Berlin 31 Menschen ums Leben gekommen. Greis fuhr ein Göricke-Fahrrad von 1924. Mit Kaffee aus einem Blechbecher und erhobener Arbeiterfaust erklärte der Bielefelder weiter: „Damals sind sie mit genau diesen Rädern durch die Gegend gefahren und haben ihre Flugblätter verteilt.“

Erfindergeist

Außer ungewöhnlichen Typen ist der Tweed Run auch immer ein Exerzier-Boulevard für den unglaublichen Erfindergeist der Zweiradindustrie. Exemplarisch dafür stand Hans-Gerd Sander (53) aus Warburg mit einem Patterson-Fahrrad. Dessen Erfinder hatte in der Konstruktion ausschließlich auf Dreiecke gesetzt. „In Sachen Stabilität gibt es nichts besseres als Dreiecke. Das lernt heute jedes Kind in der Schule.“ Der hohe Sitz sei überdies „extrem Rückenschonend“.

Der Fahrradhändler hat das über 40 Jahre alte Vehikel vor 25 Jahren erworben und dann mit selbstgemachten Schutzblechen sowie speziell angefertigten Holzfelgen optisch verschönert. Mittlerweile gebe es neuere Modelle des im Zweiten Weltkrieg von der norwegischen Armee eingesetzten Rads auch mit modernster Technik, erkärte er. Obwohl der Räderverkauf sein täglich Brot ist, genießt das Patterson absoluten Sonderstatus: „Das ist unverkäuflich.“

Wenn Fahrräder sprechen könnten, hätte vermutlich auch das „Long John"“Lieferfahrrad von Rudi Heppe aus Brilon viel zu erzählen. Laut seinen Recherchen ist es 1931 im dänischen Kopenhagen gebaut worden. „Damit ist es vermutliche eines der ältesten bis heute erhaltenen Exemplare.“ Nach dem es fast 25 Jahre in einer Scheune gestanden hatte, hat der Sauerländer es vor gut sechs Jahren von der dänischen Insel Römö nach Deutschland eingeführt. Mittlerweile transportiert Rudi Heppe bei größeren Firmenevents zu Showzwecken Edelbrandwein für eine örtliche Destillerie.

Um 14 Uhr ging es in den Sätteln der stählernen Zeitzeugen zum Picknick zur Marienfelder Klosterpforte. Von dort aus kehrten die Radler nach kurzer Pause zurück zum Ausgangspunkt, wo beim Fünf-Uhr-Tee die besten Outfits und originellsten Räder mit Preisen bedacht wurden. Bis zum nächsten Jahr.

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