Oper ist ein hartes Geschäft
Bild: Pieper
Hochkarätig besetzt ist die Jury der Neuen Stimmen mit (v. l.) Fortunato Ortombina (Teatro Fenice), Sophie Joyce (Metropolitan Opera), Jürgen Kesting (Musikkritiker), dem Vorsitzenden Dominique Meyer (Wiener Staatsoper) mit Wettbewerbs-Präsidentin Liz Mohn, Bernd Loebe (Oper Frankfurt), Evamaria Wieser (Salzburger Festspiele) und Brian Dickie, Leiter der Vorauswahlen.
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Klare Worte von Dominique Meyer, Chef der Wiener Staatsoper, designierter Intendant der Mailänder Scala und Jury-Vorsitzender der Neuen Stimmen. Beim Pressegespräch zum Internationalen Gesangswettbewerb der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh war er sich mit Wettbewerbs-Präsidentin Liz Mohn und seinen prominenten Mit-Juroren einig, dass nicht nur die Opernwelt im Wandel begriffen ist, sondern damit auch wachsende Anforderungen an den klassischen Sänger-Nachwuchs einhergehen.

Ging es bei der ambitionierten Projekt-Gründung vor 32 Jahren vorrangig darum, überhaupt Opern-Talente zu finden, so ist der Markt für sie heute aufgrund der Globalisierung in vielen Ländern längst gesättigt. „Jetzt geht es uns darum, die Sänger durch Individual-Coaching, interdisziplinäre Karriere-Beratung und ein weltweites Netzwerk so in ihrer Stimmkultur und Persönlichkeitsstruktur zu entwickeln, dass sie einen Arbeitsplatz finden“, brachte es Liz Mohn auf den Punkt. „Dazu gehört auch ehrliche, manchmal schmerzliche Kritik“, ergänzte Evamaria Wieser, Casting-Direktorin der Salzburger Festspiele.

Bertelsmann-Studie belegt Wandel

Wie auch eine von der Bertelsmann Stiftung in diesem Jahr herausgebrachte Studie belegt, hat sich mit der zunehmenden Auflösung der Ensembletheater und der Neuorientierung hin zum Gastspielbetrieb die Arbeitssituation vor allem in Europa für junge Sänger „dramatisch verändert“, wie der FAZ-Musikkritiker und Opernkenner Jürgen Kesting konstatierte. Das führe dazu, dass nur noch 10 bis 15 Prozent der Sänger überhaupt einen festen Job bekämen. Und das auch selten länger als 14 Jahre an einem Haus, weil sie dann eine unbefristete Festanstellung einklagen könnten – was die meisten Theater aufgrund ohnehin steigender Personalkosten bei oft sinkenden Subventionen weder tragen können noch wollen.

Mangelndes Qualitätsdenken an Hochschulen

Erschwerend hinzu komme ein mangelndes Qualitätsdenken an den Musikhochschulen: „Es gibt zu viele Lehrer, die mit Blick auf ihre Ausbildungsquote zu viele Sänger rausbringen, die gar keine sind“, erboste sich Kesting. Nur kluge Sänger mit exzeptioneller Stimme und Charakter hätten auf Dauer eine Chance. „Die werden Karriere machen. Für alle anderen wird es schwer, weil sie den Herausforderungen des Markts gar nicht gewachsen sind.“

Bleibt die Frage, ob sich ein Wettbewerb wie die Neuen Stimmen da nicht überlebt hat. „Nein“, betonte Dominique Meyer. „Es gibt nie genügend gute Sänger. Die Welt ist groß, verändert sich und bietet immer wieder neue Chancen. Das haben wir nach dem Fall der Mauer erlebt, als der Osten sich öffnete. Das erleben wir in China, wo gerade zig neue Theater entstehen, und auch Afrika ist im Aufbruch. Deshalb sind Wettbewerbe wichtig. Vorausgesetzt, sie sind so gut gemacht wie hier in Gütersloh.“

Und was muss getan werden, damit auch ein Opernpublikum nachwächst? „Die Presse darf nicht nur an prominenter Stelle über Netrebko-Aufführungen berichten“, konterte Kesting postwendend. Eine kontinuierliche, ansprechende und kompetente Opernberichterstattung müsse her.

„Wir wollen eine bunte Gesellschaft“

Meyer verwies auf spezielle Kinderprogramme an vielen Häusern, die aber oft ohne kommunale Unterstützung gestemmt werden müssten. „Da stehen wir alle unter Druck. Oper ist die komplizierteste aller Kunstformen. Sie braucht Unterstützung“, forderte er. Nicht nur durch Sponsoren.

Ob der Weg der New Yorker Met, die durch weltweite Opern-Live-Übertragungen im Kino jährlich mehr als drei Millionen zusätzliche, auch jüngere  „Besucher“ verbucht, der richtige ist, oder ob das dazu verführt, künftig nur noch nach gut aussehenden Opernstars zu gucken, beantwortete Meyer mit einem charmanten Lächeln: „Wir sind glücklich über jeden schönen Tenor oder Sopran. Aber entscheidend ist seine Ausdrucksstärke, nicht seine Figur oder Hautfarbe. Wir wollen eine bunte Gesellschaft.“

Den kompletten Bericht lesen Sie in der Gütersloher „Glocke“ vom 24. Oktober.

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