Stadtentwicklung in Gütersloh ab 1945
Bild: Dinkels
Dr. Michael Zirbel zeigt sein neues Buch.
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Während Grundsatzbeschlüsse sonst eher im Einvernehmen gefasst wurden, lagen CDU und SPD sich in dieser Frage damals schwer in den Haaren. Der langjährige SPD-Fraktionschef und spätere Ehrenbürger Willy Eichberg geißelte einen Ratskeller als „Gaststätte für Leute mit dickem Portemonnaie“, die nicht mit Steuergeldern bezahlt werden dürfe. Sein CDU-Kontrahent Dr. Maßmann sah darin hingegen eine Steigerung der Attraktivität Güterslohs als Mittelzentrum.

Auch der Einzelhandel sprach sich für einen Ratskeller aus, damit der Innenstadtbereich „eine der Größenordnung und Bedeutung der Stadt entsprechende Anziehungskraft erhält“. In der Öffentlichkeit genossen die Pläne für eine Gaststätte im Verwaltungsbau, die mit Kosten von 500 000 D-Mark veranschlagt war, ebenfalls einige Sympathien.

Aber es kam anders. Am 8. November 1967 schloss die „Glocke“ eine ausschweifende Diskussion mit der Bemerkung ab, „ein so interessantes Thema sollte nicht bis zur Ermüdung unserer Leser totgeritten werden“.

Diese kleine Episode findet sich in dem Buch „Gütersloh zwischen 1945 und 1969“ des Gütersloher Stadtplaners Dr. Michael Zirbel (60), das an diesem Mittwoch in den Handel kommt. „Das Buch soll eine Lücke der Geschichtsschreibung der Stadt Gütersloh nach 1945 schließen – aus rein städtebaulicher Perspektive“, sagt Zirbel, der 2012 eine Dissertation zu diesem Thema vorgelegt hatte.

Nach Krieg und Zerstörung haben zwei Themen die Entwicklung der Dalkestadt maßgeblich bestimmt: der Wohnungsbau – laut Zirbel „eine Erfolgsgeschichte“ – und besonders in den 60er-Jahren mit der Verbreitung des Autos die Verbreiterung der Straßen. Nicht so sehr die Zerstörung durch den Krieg wie in anderen Städten, sondern bewusst und meist situativ gefällte Entscheidungen der Kommunalpolitik haben das Bild der Stadt nachhaltig gewandelt.

Zirbel: „Letztlich entscheidet sich (die Stadt) Gütersloh für die aus ihrer Sicht als Fortschritt erkennbare Entwicklung zur Großstadt und nimmt hierfür den Verlust von Kleinstadtstrukturen in Kauf.“

Ausdruck dieses neuen Selbstbewusstseins waren auch die Ansiedlung des Kaufhauses Hertie (1965 eröffnet) sowie der Neubau der beiden Rathäuser (1958 das heutige Rathaus II) und 1971 (Rathaus I). Grundstücke wurden erworben, getauscht, begradigt und planiert. Straßen wie die Wallstraße, die über den heutigen Konrad-Adenauer-Platz verlief, verschwanden aus den Stadtplänen. 1971 wurde das alte Rathaus abgerissen und der Hertie-Vorplatz (im Volksmund: HVP) entstand. Schon 1958 merkte ein Ratsmitglied an: „Es ist nichts mehr mit der kleinen Heidestadt.“

Der Autor: Dr. Michael Zirbel stammt gebürtig aus Wuppertal und hat in Hagen das Abitur abgelegt. Das Studium der Raumplanung an der Universität Dortmund schloss er 1980 mit dem Diplom ab. Anschließend trat er in die Dienste der Stadt Witten, von wo aus er 1993 zur Stadt Greven als Leiter des Planungsamts wechselte. 1999 kam Zirbel als Leiter des Fachbereichs Stadtplanung nach Gütersloh. Der 60-Jährige ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Mit der Dissertation „Das situative Prinzip und die städtebauliche Entwicklung der Mittelstadt Gütersloh 1945 – 1969“ wurde Zirbel 2012 promoviert.

Das Buch: Das regionalgeschichtliche Buch „Gütersloh zwischen 1945 und 1969“ ist im Gütersloher Flöttmann-Verlag erschienen und ab sofort zum Preis von 24,80 Euro im Gütersloher Buchhandel erhältlich. Wie seine zu diesem Zweck überarbeitete Dissertation sei das neue Buch in seiner Freizeit entstanden, so Zirbel. Auf 160 Seiten finden sich an die 100 Pläne, Grafiken und Stadtansichten, die zum Teil erstmals publiziert werden. Zirbel: „Ohne ein gut geführtes Stadtarchiv wäre eine solche Veröffentlichung nicht möglich gewesen.“ Eine Reihe von Motiven stammt auch vom Gütersloher Verein für Philatelie.

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