Stadtmuseum wagt sich in NS-Grauzonen
Bild: Pieper
Güterslohs Museumsleiter Dr. Franz Jungbluth mit einem Stolperstein in der Hand im neugestalteten Ausstellungsbereich zur NS-Zeit. Er wird am Samstag, 27. Januar, passend zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus eröffnet.
Bild: Pieper

 Eine Neugestaltung dieses wichtigen historischen Kapitels der Stadtgeschichte tat Not, nicht nur weil die Technik veraltet war. Darauf hat der neue Museumsleiter Dr. Franz Jungbluth gleich bei seinem Amtsantritt gedrängt. Das Ergebnis seiner Bemühungen kann man ab morgen, Samstag, 15 Uhr, im Obergeschoss des Fachwerkhauses sehen.

Dann wird der neukonzipierte NS-Themenbereich unter anderem mit noch nicht gezeigten Exponaten aus dem Stadtarchiv, mit einer digitalen Fotoschau und einer großformatigen US-Luftbildaufnahme vom bombengetroffenen Gütersloh sowie einer Karte mit allen Stolpersteinen und Gedenkorten in der Stadt eröffnet. Passend zum 27. Januar – dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

„Natürlich kann man auf gerade einmal acht Quadratmetern die zwölfjährige Schreckensherrschaft der Nazis und deren Niederschlag vor Ort nicht komplett dokumentieren“, weiß Jungbluth. Aber weil die NS-Geschichte nicht „nur“ auf die Ereignisse der Pogromnacht fokussiert werden sollte, war es ihm wichtig, Beispiele herauszustellen, die den wohldosierten Prozess der Manipulation, Machtergreifung und Gleichschaltung erklären, den Aufstieg und Fall einiger weniger und das spätere Leiden von vielen beleuchten. Damit stößt der neu gestaltete Bereich bewusst in bislang noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitete (Grau-)Zonen der Stadthistorie vor.

So setzt das in Zusammenarbeit mit dem Historiker Norbert Ellermann (Tat-Ort-Gedenkstätte Wewelsburg) und dem Gütersloher Stadtarchivar Stephan Grimm erarbeitete Konzept bei der schon Anfang der 30er-Jahre greifenden, schleichenden Verführung der Menschen, vor allem der Jugend durch die Nazis an. „Wer sich im Gütersloher Turnverein anmeldete, war automatisch Mitglied im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen. Wer im Chor sang, bekam das NSDAP-Liederbuch in die Hand gedrückt, das reich bestückt mit Landserliedern war“, sagt der Museumsleiter mit Blick auf entsprechende Objekte in den Vitrinen. Zielbewusst, aber von vielen kaum bemerkt, wurde die Gesellschaft mobil gemacht. Die Rekrutierung erfolgte selbst bei vermeintlich harmlosen „Kraft-durch-Freude-Ausflüge“. Dem konnte man sich kaum entziehen.

Von Tätern und Opfern, Ambivalenzen und Grauzonen

Damit kommt man zur Frage der Täter und Opfer. Jeweils zwei sind beispielgebend genannt. Zu den Opfern gehören Emmi und August Eisenstein, die an der Berliner Straße 50 (heute H & M) einen Gemischtwarenladen betrieben, ihn 1937 verkauften, nach Köln zu den Töchtern zogen – und 1944 in Auschwitz umkamen.

Dagegen wird Polizeihauptmann Adolf Dieckmann als Leiter der damaligen Ordnungspolizei als Täter gesetzt. Denn er schaute nichtstuend weg – nicht nur als die Häuser der jüdischen Familien Daltrop und Weinberg am Kirchplatz in Flammen aufgingen.

Täter Nr. zwei: der Gütersloher August Harbaum, der schon 1932 in die NSDAP, bald darauf in die SS eintrat, Dienst in den KZ Flossenbürg und Oranienburg schob, bis er 1942 ins NS-Verwaltungsamt nach Berlin wechselte. Wo er den Einsatz der 45 000 KZ-Wachleute organisierte. Seine Spur verliert sich nach dem Krieg. Und noch eine dritte „Spezies“ beleuchtet die neue Schau, die der Ambivalenten. „Es gibt viele Bürger, deren Verhalten zwiespältig und noch immer mit Fragezeichen versehen ist“, erklärt Jungbluth.

Was es in diesem Zusammenhang mit dem früheren Schulleiter des Evangelisch-Stiftischen Gymnasiums, Friedrich Fliedner, oder dem früheren Fabrikanten Wilhelm Ruhenstroth, Gründer der Wirus-Werke, auf sich hat, lesen Sie in der „Glocke“ vom 26. Januar.

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