Starsopranistin Cheryl Studer im Interview
Bild: Kirschner
Die US-Sopranistin Cheryl Studer ist für eine Woche zu Gast in Gütersloh. Wer sie als Dozentin beim Meisterkursus Neue Stimmen erleben möchte, hat dazu am Mittwoch, 22. Oktober, von 10 bis 12 Uhr auf der Studiobühne im Theater Gelegenheit.
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Sie macht das wortgewaltig, mit blitzenden Augen und mitunter dramatischer Geste. Cheryl Studer, US-Sopranistin von Weltrang, ist als Dozentin des Meisterkurses Neue Stimmen eine Woche zu Gast in Gütersloh. „Die Glocke“ hatte Gelegenheit zu einem Interview.

„Die Glocke“:  Frau Studer, was müssen junge Sänger heute können?

Studer: Eine schöne Stimme ist nicht mehr das Wichtigste. Ausstrahlung und Flexibilität sind entscheidend.

„Die Glocke“:  Warum? 

Studer: Weil in jedem Wettbewerb, bei jeder Besetzung Juroren oder Programmdirektoren sitzen, die genau wissen, dass man einer Stimme durch gezielten Unterricht noch viel an Farben und Nuancen beibringen kann. Aber Bühnenpräsenz ist etwas ganz anderes. Wer sie hat, überzeugt in den ersten 30 Sekunden. Und die sind oft entscheidend.

„Die Glocke“:  Das heißt, es geht mehr ums Aussehen als um die Stimme?

Studer: Naja, die Regisseure wollen authentische Figuren auf der Bühne. Früher konnte eine dralle 45-jährige Sopranistin das Bauernmädchen Micaela in der „Carmen“ spielen. Das geht heute nicht mehr. Allerdings sollte man sich bei diesen Ansprüchen schon manchmal fragen, ob die anfangs pummelige Callas heutzutage ein Engagement bekäme.

„Die Glocke“:  Was lehren Sie die Teilnehmern dieses Wettbewerbs?

Studer:  Ich suche zunächst bei jedem das Plus, an dem es sich weiterzuarbeiten lohnt. Ein guter Sänger muss elastisch und flexibel sein. Und ich helfe ihnen, jenes Bewusstsein zu entwickeln, dass sie sagen können: „Ja, ich gehöre auf die Bühne“, ohne dass da ein Aber mitschwingt. Denn jedes Aber ist fatal.

„Die Glocke“:  Ihnen geht es also nicht nur um das Auftreten? 

Studer: Junge Sänger brauchen mentales Rüstzeug. Sie müssen stolz auf sich sein können, auf das, was sie erreichen. Dazu benötigen sie eine gut funktionierende Gesangstechnik, die sie über alle Klippen trägt. Stimme und Musikalität sind ihnen geschenkt worden. Aber nur mit der richtigen Technik beherrschen sie sie auch wirklich.

„Die Glocke“:  Wo setzen Sie da an? 

Studer:  Beim Atem. Er ist das A und O beim Singen. Die Stimme ist ein Luftinstrument, das aus vielen Elementen zusammengesetzt ist. Da muss man sich auf jedes Detail konzentrieren.

„Die Glocke“:  Sie bemängeln oft die Haltung junger Sänger.

Studer: Ja, sie ist auffallend schlecht, weil auch die Kleidung so schlecht geworden ist. Alles ist nur noch salopp, die Klamotten und die Körperhaltung. In vielen jungen Sängern ist keine Spannung mehr. Wie soll da Energie fließen?

Kampfansage an die Langeweile

„Die Glocke“:  Sie gehören zu den legendären Primadonnen, die von Mozart bis Rossini und von Wagner bis Bach ein extrem breitgefächertes Repertoire beherrschten. Müssen junge Sängerinnen das auch können?

Studer: Ich liebe Extreme: die Rhythmik bei Rossini, die Harmonie bei Wagner und die Mischung von beidem bei Strauss. Deshalb habe ich alles gesungen. Meinen Studenten empfehle ich aber eher, sich auf etwas zu konzentrieren.

„Die Glocke“:  Wegen möglicher Überforderung? 

Studer:  Nein, seine Stimme überfordert man nur, wenn man die Kontrolle darüber verliert, weil man die Technik nicht beherrscht. Aber ich sehe derzeit niemanden, der diese große Bandbreite abdecken könnte.

„Die Glocke“:  Der Konkurrenzdruck ist groß. Können junge Sänger überhaupt eine Rolle ablehnen, wenn sie sich ihr stimmlich noch nicht gewachsen fühlen, ohne dass für sie dann auf lange Zeit wichtige Türen zufallen? 

Studer:  Das war schon immer ein Problem. Auch wenn man es mir bei all den vielen Auftritten und Platteneinspielungen nicht glaubt: Ich habe öfter Nein als Ja gesagt, was mir so mancher Dirigent übelgenommen hat und mich das dann auch spüren ließ. Aber man sollte ehrlich zu sich sein und wissen, was man leisten kann. Und mit dieser Entscheidung muss man eben leben.

„Die Glocke“:  Woher nehmen Sie Ihre Energie?

Studer: Ich habe jahrzehntelang mit 1a-Leuten überall auf der Welt gearbeitet. Da gibt es unendlich viele gute Erfahrungen, die ich weitergeben kann und möchte. Rosenknipsen im Garten ist ja ganz schön, aber mir nicht genug. Nichts ist langweiliger als sich zu langweilen.

„Die Glocke“:  Treten Ihre Töchter in Ihre Fußstapfen? 

Studer:  Die 30-Jährige hat sich als Komponistin und Texterin für den Popbereich entschieden. Die 21-Jährige beendet gerade ihre Ausbildung zur Maskenbildnerin. Ich bin froh, dass beide keinen Hass auf die Musik entwickelt haben, die ihnen ihre Mutter so oft vorenthalten hat.

„Die Glocke“: Haben Sie ihnen eine Lebensmaxime mit auf den Weg gegeben?

Studer  (lacht): Nein, die brauchten sie nicht. Während ich immer eher ein Ja-Mädchen gewesen bin, sind meine Töchter eindeutig starke Nein-Mädchen.

Zur Person

Cheryl Studer  studierte in Tanglewood und an der Hochschule für Musik in Wien. Auf erste Auftritte in München und an der Deutschen Oper Berlin folgte 1985 ihr Debüt bei den Bayreuther Festspielen als Elisabeth in „Tannhäuser“, wo sie auch als Elsa, Senta und Sieglinde große Erfolge feierte. Sie sang mehr als 80 der großen Sopranrollen an den bedeutendsten Opernhäusern Europas und der USA – bis es 1998 zum Eklat kam: Die Bayrische Staatsoper kündigte ihren Gastvertrag, weil sie angeblich als Agathe im „Freischütz“ nicht mehr die Höhen meistern konnte. Das warf im Musikbetrieb die Frage nach Überforderung und Sittenverfall im Umgang mit den Sängern auf.

Die mehrfach ausgezeichnete zweifache Grammy-Gewinnerin wirkte bislang an mehr als 100 Platten- und CD-Einspielungen sowie Videoproduktionen mit. Seit 2003 hat Studer eine Professur für Gesang an der Hochschule für Musik Würzburg. Sie ist als Regisseurin tätig („Ariadne“ und „Il barbiere di Siviglia“). 2015 wird sie Madame de Croissy in einer Neuproduktion am Stadttheater Klagenfurt singen.

Stichwort: Neue Stimmen

1987 schrieb die Bertelsmann Stiftung erstmals den Internationalen Gesangswettbewerb Neue Stimmen aus. Er findet alle zwei Jahre statt, 2015 zum 16. Mal. Weil viele der Wettbewerbsteilnehmer in ihrer persönlichen, künstlerischen und gesanglichen Entwicklung noch nicht preiswürdig waren, wurde 1997 der Meisterkursus ins Leben gerufen, der alternierend zum Wettbewerb ebenfalls alle zwei Jahre junge Talente nach Gütersloh holt. Unter der Anleitung weltbekannter Künstler und begleitet von erfahrenen Pianisten, arbeiten die Frauen und Männer eine Woche lang an Stimme, persönlicher Ausdrucksfähigkeit und Ausstrahlung. Zudem erhalten sie Beratung in Vertragsfragen.

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