Strippenzieher vor und hinter den Kulissen
Bild: Lieberenz
 Traum oder Wahrheit: Fortuna verheißt dem Bauern „Giustino“ Glück, Sieg und Thron. Szene aus der gleichnamigen Händel-Oper, mit der die Lautten Compagney in Koproduktion mit dem Mailänder Marionettentheater im Theater Gütersloh begeisterte.
Bild: Lieberenz

Mehr geht nicht, selbst auf der an abstrusen Geschichten nicht gerade armen Opernbühne.

Eine wahrlich zauberhafte Wundertüte hat die Berliner Lautten Compagney bei ihrer zweiten Co-Produktion mit der Mailänder „Puppen-Scala“, dem traditionsreichen Marionettentheater Carlo Colla e figli, an den vergangenen beiden Abenden im Theater Gütersloh geöffnet. Händels Barockoper „Giustino“, 1736/37 für die Londoner Opernsaison am Covent Garden komponiert, hat nichts von ihrem Charme verloren. Schon gar nicht in dieser spielfreudigen Inszenierung mit all ihren üppigen Kulissen, ihrer abenteuerliche Welten suggerierenden Guckkastenbühne und dem mit eleganter Leichtigkeit entfalteten musikalischen Kosmos Händels.

Felix Benders einfühlsames Dirigat begreift diese Alte Musik nicht als museal, sondern als Herausforderung. Er lässt die sanft von Geigen umgarnte Hirtenidylle in raschem Tempo auf das von mit Hörnern, Trompeten und Fanfaren begleitete Schlachtengetümmel treffen. Eben noch künden Oboe und Fagott so herzerwärmend wie wehmütig von Liebesfreud und -leid, schon lässt Perkussionist Daniel Trumbull effektreich zu Trommeln und Kastagnetten feindliche Truppen aufmarschieren oder ein seltsames Monsterchen prustend durch die tückische Papp-See tauchen. Da kann der Blick der Zuschauer gar nicht auf den am Rand des Orchestergrabens aufgereihten Sängern kleben bleiben, wenn doch die Puppen so schön auf der Bühne tanzen. Kopfwackelnd und gestenreich simulieren sie die großen Koloraturarien, die ihnen von den Sopranistinnen Fanie Antonelou (Kaiserin Arianna) und Margriet Buchberger (Kaiser Anastasio) so lupenrein wie leidenschaftlich in den klappbaren Mund gelegt werden.

Helene Rasker gestaltet Leocaste mit warmem Alt. David Szigetvari liefert einen mit stählernem Tenor ausgestatteten Rebellen Vitaliano ab, und Florian Götz singt mit dunklem Bass den Bösewicht Amanzio.

Großartig ist der britische Countertenor Owen Willetts in der Titelrolle. Ob als Bauernjunge, Kämpfer oder Herrscher: Sein Giustino erweist er sich in jeder Situation als Herr der hohen Töne. Mal unterlegt er seinen Gesang mit bronzenen Farben, mal akzentuiert er mit sinnlicher Liedhaftigkeit. Belcanto aus dem Treibhaus des Barocks.

Moral am seidenen Faden

Und die Puppenspieler? Als geniale Strippenzieher im besten Sinn des Wortes lassen sie bemalte und kostümierte Holzstücke am seidenen Faden zur zaudernden Dame, zum Despoten oder Drachen werden. Das allzu Pathetische gerät da oft automatisch zur Parodie – was die Unterhaltung perfekt macht.

Und auch die Moral kommt nicht zu kurz: „Die List ist eine Tugend, wenn sie den Mutigen erst an die Macht bringt“, muss das Publikum des Fake-News-Zeitalters schlucken. Da sage noch einer, Marionetten seien unmodern.

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