„Tod eines Handlungsreisenden“ im Theater
 Susanne Böwe als Linda. Bild: Röder
Abrechnung mit den Lebenslügen: Szene aus der Stuttgarter Neuinszenierung von Arthur Millers Klassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ im Theater Gütersloh mit Peter Kurth (rechts) in der Titelrolle und

Susanne Böwe als Linda.

Bild: Röder

Torkelig, im schwarzen Tutu, tappt er über die Bühne, versucht sich mit bloßer Brust und mit blanken Füßen von diesem Vorhangstoff, der ihn schon wie ein gigantisches Leichentuch bedeckt, zu befreien. Vergeblich. Auftakt zum Schwanengesang eines Versagers – und gleichzeitig die ultimative Bankrotterklärung einer Gesellschaft, in der der schöne Schein mehr zählt als das schnöde Sein.

Arthur Millers mit dem Pulitzer-Preis gekrönte Geschichte vom „Tod eines Handlungsreisenden“ gilt noch immer als schonungsloses Schlüsselwerk zum legendären amerikanischen Traum, der simple Tellerwäscher in illustre Millionäre zu verwandeln verspricht. Theater als düstere Abrechnung mit einem System, in dem das Scheitern des Einzelnen vorprogrammiert ist, weil der Erfolg und Reichtum der Mächtigen für Otto Normalverbraucher unerreichbar bleiben.

Robert Borgmann hätte gut daran getan, wenn er sich in seiner Inszenierung fürs Schauspiel Stuttgart auf die solide Darstellung von Arthur Millers Kehrseite der amerikanischen Medaille konzentriert hätte, statt eigene, teils fragwürdige Fantasien in die Handlung einzuweben. Ein Theaterklassiker wird nicht besser, nur weil man ihn mit  „Fakes“ anreichert. Auch nicht in Trump-Zeiten. Das Gastspiel der Stuttgarter im Theater Gütersloh wurde denn auch entsprechend zurückhaltend beklatscht. Und das lag nicht nur daran, dass die Bühnenakteure rein akustisch über weite Strecken nur schlecht zu verstehen waren.

Schade, dass dem Regisseur das packende Spiel von Peter Kurth in der Titelrolle offensichtlich nicht gereicht hat. Wie unnötig, ihn erst im schwarzen Tutu herumtänzeln und später mit roter Clownsnase auftreten zu lassen, nur um den Vertreter Willy Lomann als traurige Witzfigur zu entlarven. Überflüssig auch, Willys Taugenichts-Sohn Happy (mit jugendlicher Unbedarftheit von Maolo Bertling gespielt), homosexuelle Neigungen anzudichten. Auch Willys verstorbener, im Diamantenhandel reich gewordener Bruder Ben (Robert Kuchenbuch) wird nicht besser, nur weil er als Geist in George-Washington-Perücke herumläuft, um US-Gründerväter-Qualitäten zu signalisieren. Und Birgit Unterweger als Marilyn-Monroe-Roboter mag reizend anzuschauen sein – ist als Hintergrundspektakel in Willys Entlassungsszene aber so unnötig wie ein Loch im Kopf.

Lediglich Susanne Böwe als Linda, Ehefrau mit fragwürdiger Anpassungsmentalität, und Manuel Harder als aufbegehrender Sohn Biff haben genug Freiraum, um prägnant die Tragik eines Dasein voller Lebenslügen aufzuzeigen. Irgendwo zwischen dem grell aufleuchtenden Schriftzug „Desire“ (Sehnsucht) und dem plakativ höllisch-roten „Capitalism“.

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