Unterwegs in Zonen der Vermutung
Bild: Pieper
Chaos trifft Kalkül: Jobst Tilmann schafft großformatige Bildkosmen.
Bild: Pieper

Strukturen entstehen. Das kreative Chaos wird zum oszillierenden Kosmos. Und dann beginnt Jobst Tilmann diese brodelnd-sinnliche Morphologie mit ordnendem Grau zu modellieren. 

 Was sich in den Werken des 62-jährigen aus Springe stammenden und seit 2009 in Rheda-Wiedenbrück ansässigen Künstlers offenbart, ist ein irritierendes Miteinander von Regellosigkeit und Generalisierung, Zufall und Plan. Da ist ein schaffender Weltgeist am Werk, einer, der Malerei als Spiegelbild der Lebensgestaltung begreift.

Jobst Tilmann, Jahrgang 1949,  studierte in Hannover freie Malerei. Seit 1982 hielt sich der Künstler mehrfach für einige Monate in Südfrankreich auf. Seit 1984 unterhält er ein Atelier in St.-Restitut. 1993 folgten Arbeitsaufenthalte in Italien und in Marseille (1995). Seine Werke wurden in Einzelausstellungen unter anderem in Berlin, Stuttgart und Bonn sowie in Paris, Nizza und Lyon gezeigt.  Seine Bilder sind in öffentlichen Sammlungen sowohl in Frankreich als auch in Deutschland zu finden. Der Liebe wegen zog es ihn 2009 nach Rheda-Wiedenbrück. Tilmann ist Dozent an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim.

Dass Tilmann seinem Farbchaos mit neutralem Grau zu Leibe rückt, hat seinen Grund: Mal sind es nur graue Konturen, die bestimmte Farbflächen umrahmen, um sie als autonome Farbflecken aus dem Untergrund hervorzuheben. Mal breitet sich das Grau selbst flächig aus. Kantig und schroff, aber nie systematisch, überlagert es dann jegliche Coleur, gedeiht zum autarken Raum für (emotionale oder gedankliche) Entwicklungen. „Zonen der Vermutung“ nennt der Künstler diese Art von Formerfassung.

Es lohnt der genaue Blick darauf. Nicht von ungefähr trägt die Ausstellung, die der Kreiskunstverein Gütersloh dem Wiedenbrücker Neuzugang jetzt widmet, den Titel „L’appetit vient en mangeant – Der Appetit kommt beim Essen“. Die Vernissage ist am Sonntag, 15. Mai,  um 11.30 Uhr. Dann kann man erleben, wie selbstbewusst Jobst Tilmann seine Malerei fern jeder akademischen Lehre und traditioneller Harmonievorstellung lebt. „Es ist ein Hochgenuss, auf diese Weise Formen zu erhalten, die man gar nicht erfinden könnte“, sagt Tilmann selbstbewusst.

Und damit bleibt er nicht auf der Leinwand. In seinen Schwarz-Weiß-Tuschen

Der Kreiskunstverein bietet in der „Langenachtderkunst“ am Samstag, 21. Mai, einen Dialog von Musik und Malerei: Berhard Wöstheinrich wird jeweils um 21, 22 und 23 Uhr elektronische Improvisationen im Dialog mit den Werken Jobst Tilmanns bieten.

Dank Unterstützung der Kreissparkasse Wiedenbrück erscheint zur Ausstellung eine Katalogbroschüre.

nehmen sich Kohle- oder Graphitstift, Pastellkreide oder Radiergummi einzelner Motive an. Oft genug sind die dort dominanten Formen nichts anderes als gedrehte Details aus den großformatigen Bildern. Und neuerdings zieht der Künstler diese Formen auch ins Dreidimensionale: Als hölzerne Bodenobjekte oder als Konturschnitte aus Kunststoff für die Wand sind sie im Kunstverein zu sehen. Die Ausstellung ist bis zum 26. Juni geöffnet.

www.kunstverein-gt.de

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