Vokalartist des Jazz: Andreas Schaerer
Bild: Klostermeier
Ausnahmeerscheinung in der europäischen Jazzszene: der Sänger Andreas Schaerer, der zum wiederholten Mal im Theater Gütersloh auftritt.
Bild: Klostermeier

 Der Schweizer gab nicht nur Auskunft über die  Gründung dieses Quartetts, sondern auch über die Lust am Ausbruch aus vorgegebenen Songstrukturen und den Einsatz der Stimme als Instrument.

Die Glocke“: Andreas, mit welchen musikalischen Projekten bist du momentan aktiv?

 Schaerer: Das ist eine ziemlich große Bandbreite. Ich trete solo auf, singe derzeit in drei Duos sowie im Sextett „Hildegard lernt fliegen“, das wir ab und an auch mit lokalen Sinfonieorchestern erweitern. Und natürlich mit dem Quartett „A Novel Of Anomaly“.

 „Die Glocke“: Wie lange gibt es das Quartett schon und wie habt ihr zusammengefunden?

Schaerer: Wir spielen seit 2015 zusammen, und die Existenz dieses Projekts geht auf eine lustige Begebenheit zurück: Ich sollte im Juli 2014 mit meinem langjährigen Duopartner, dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli, beim Südtiroler Jazzfestival „Alto Adige“ in den Dolomiten die Erstbesteigung einer brutal überhängenden Felswand durch zwei belgische Extremkletterer musikalisch begleiten. Der Veranstalter wollte außerdem unbedingt den finnischen Gitarristen Kalle Kalima dabeihaben. Ja, und dann haben wir tatsächlich auf einem Hochplateau in den Dolomiten auf 2500 Meter Höhe gemeinsam improvisiert, während die Bergsteiger sich an der Steilwand abgearbeitet haben. Ich kann mich erinnern, dass es trotz Hochsommer geschneit hat und die Zuschauer eine Stunde zu uns hochwandern mussten. Das war eine existenzielle Erfahrung und hat uns musikalisch elektrisiert.

„Die Glocke“: Und wie ist der vierte Mann dazugekommen?

Schaerer: Der ursprüngliche Plan von Lucas und mir war, ein Trio mit der rauen, archaischen Gitarre von Kalle Kalima zu bilden und ein weiteres, poetischeres Trio mit dem italienischen Akkordeonisten Luciano Biondini. Bei der ersten Probe saßen wir dann zu viert zusammen und Kalle begann nebenbei, seine Gitarre zu stimmen. Wir anderen sind dann nach und nach eingestiegen. Die Musik hat uns einfach ferngesteuert und wir haben zwei Stunden am Stück improvisiert. Danach waren wir uns alle einig, die Trios zu vergessen und als Quartett zu spielen.

„Die Glocke“: In dieser Besetzung spielt ihr Freitag im Theater Gütersloh. Kannst Du dich noch an dein letztes Konzert dort erinnern?

 Schaerer: Klar, das war im Februar 2017 im Quartett mit Michael Wollny, Vincent Peirani und Emile Parisien beim WDR-Jazzfest. Ein ganz toller Abend, an dem wir vier Musiker stellenweise zu einem einzigen Instrument verschmolzen sind.

„Die Glocke“: Wie unterscheidet sich diese Musik von „A Novel Of Anomaly?

 Schaerer: Gewisse Dinge sind sehr ähnlich, wie zum Beispiel das intuitive Zusammenspiel und die Möglichkeit, aus einem Song auszubrechen und sich treiben zu lassen. „A Novel Of Anomaly“ ist allerdings mittlerweile ausgereifter und bietet mehr kompositorische Finessen, da alle vier Musiker Stücke für diese Band geschrieben haben.

„Die Glocke“: Du nutzt deine Stimme meist als Instrument.

 Schaerer: Ja, und ich fühle mich in der Tat auch mehr mit den Instrumentalisten als mit den Sängern verbunden. Auch bei „A Novel Of Anomaly“ setze ich meine Stimme über weite Strecken instrumental, also ohne Text ein. Dabei produziere ich mal eine Melodie wie ein Bläser, und mal übernehme ich eine perkussive Rolle. Wir haben Liedgut in den Muttersprachen aller Bandmitglieder im Repertoire, weswegen ich auch Italienisch, Finnisch und Schwitzerdütsch singen werde.

 „Die Glocke“: Wie hast du dieses besondere Gesangstalent entwickelt?

 Schaerer: Ich habe schon als Kind häufig repetitive Klangmuster wiederholt und dabei wohl die kognitiven Fähigkeiten entwickelt, die ich heute für meine Arbeit mit der Stimme brauche. Mit 20 Jahren habe ich dann realisiert, dass ich da ein ausgefeiltes Instrument am Start habe und wollte das auf die Bühne bringen. Eines ist mir dabei wichtig: Es geht nicht darum, technische Gimmicks abzufeuern. Alle Gesangseffekte müssen einen dramaturgisch nachvollziehbaren musikalischen Grund haben.

„Die Glocke“: Bleibt nur noch eine Frage – was hat es mit dem Projektnamen „A Novel Of Anomaly“ auf sich?

Schaerer: Der Bandname beschreibt unsere kuriose Entstehungsgeschichte und groovt außerdem, wenn man ihn ausspricht, wunderbar. Und dann steckt da auch noch drin, dass wir unsere musikalischen Erzählungen gern abseits des Mainstreams anlegen, was man am Freitag hoffentlich gut raushören kann.

Karten für das um 20 Uhr beginnende Konzert gibt es noch an der Theaterkasse.

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